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Bergbauern



In den Bergmähdern


Die Familie steigt über den steilen Bergheuersteig durch den Wald. "Steht der Stadel wohl noch an seinem Platz?" Der Bauer atmet auf, alles ist in Ordnung. Den letzten Winter hat das kleine Gebäude überstanden und so haben alle während der nächsten Nächte ein schützendes Dach über dem Kopf. Die Geiß, welche sie mit herauf geführt haben, lassen sie inzwischen an einem Platz mit würzigen Kräutern weiden. Die Leute richten derweil die Feuerstätte, welche neben dem kleinen Hüttchen steht, her. Es ist noch früh am Tag und sie nehmen - bevor die Arbeit beginnt - noch ihr karges Frühstück zu sich.
Die Bergheuer beginnen also bald, die grasreichen Flächen rund um den Stadel mit der Sense abzumähen. Abends, wenn das Gras gedörrt ist, wird es ihnen als wohlriechendes und weiches Nachtlager dienen.

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Fotos: Sammlung Risch-Lau, Vorarlberger Landesbibliothek
Dann geht es hinaus in die steilen, freien Wiesen. So bringen die Leute die nächsten Tage zu. Morgens früh, wenn die Sonne an den benachbarten Gipfeln anschlägt sind alle schon auf den Beinen. Ein Mädchen erklimmt mit Steigeisen bewaffnet, einem Grashacker in der Hand und einen geflochtenen Korb neben sich stehend einen Felsvorsprung. Hinter ihr fällt der Fels wohl an die hundert Meter in die Tiefe. Sie langt mit dem krummen, sichelähnlichen Hacker zu dem üppig an den Vorsprüngen stehenden Gras und streift schneidend einen Büschel Gras zu sich her um diesen dann in den mitgebrachten Korb zu legen.

Die Mutter hat in der Zwischenzeit die Geiß gemolken und den Feigenkaffee bereitet. Da trifft auch schon das Mädchen mit der ersten, mächtigen Bürde würzigen Grases bei dem Stadel ein. Die Frau ruft dann auch alle anderen Birgheuer zum morgendlichen Mahl, das etwas üppiger ausfällt. Nur selten wird zu Mittag mit Kochen viel Zeit verschwendet, denn die Mittagszeit ist die beste Zeit um das Heu zu dörren und zu wenden. Eine Stück Brot und wenn die Geiß etwas mehr Milch gibt, eine Schale abgerahmter Milch ist alles, was man zu nehmen sich Zeit lässt. Am späten Nachmittag, gegen 5 Uhr muss dann aber der dampfende Kaffee bereit stehen. Als Tisch dient oft eine flache Steinplatte und als Sitzgelegenheit die Rasenböschung. Es ist Zeit für die Marend.

Frisch gestärkt geht es danach wieder an die Arbeit. Die ersten eintretenden Schatten der Felszacken und Bergvorsprünge erleichtern nun das Vorwärtskommen mit der Arbeit. Die Hitze des Tages macht den kühleren Luftstreichen des Abends Platz. Da gleitet die Sense nochmal so gut durch das Gras, da lässt sich die schwere Bürde ganz einfach aufschwingen und der Gang, unter der sich über den Träger legenden Last der unförmigen Heublachen, fällt umso leichter.

Dann, wenn sich über alles die Dämmerung legt, vernimmt man von irgendeinem Felszacken der aus einem blumenbewachsenen Wiesental aufragt einen ersten Juchezer. Bald einen nächsten aus einer anderen Ecke des langgezogenen Tales, von einer weiteren hoch gelegenen Bergmahd von Leuten eines Nachbarhofes im Tal. Alle nutzen die günstige Witterung um das Bergheu in ihre Städel und Heubillen zu bringen, wo es bis in die Wintermonate hinein gelagert wird.

Auch der Bauer lässt schallend einen Juchezer in die Ferne klingen. In jener Art, wie es schon seine Ahnen taten, wenn sich die früheren Bewohner der Berge untereinander über große Distanzen miteinander verständigen wollten.

Die zunehmende Dunkelheit lässt dann auch die eifrigsten unter ihnen ihre Arbeit einstellen und den Rechen, die Sense und die Heublache oder das Tragtuch beiseite legen. Da wird endlich Feierabend gemacht. Die Mutter hat inzwischen das Abendmahl bereitet. Das Feuer neben dem kleinen Stadel hat schon mit einsetzender Dämmerung heraufgeschimmert. Auch im Mahd des Nachbars erkennt man eine kleine Feuerstelle um welche sich wohl auch dessen Familie scharen wird um ihre müden Glieder auszustrecken und ihr wohlverdientes Essen zu sich zu nehmen.

Bald sind rings herum in der Finsternis in den Bergen kleine Lichtpunkte erkennbar. Hier am eigenen Feuer verzehrt die um dasselbe sitzende Menschengruppe ihr Mus. Anderntags vielleicht ein paar Kartoffeln und wieder an einem anderen Tag wohl eine Suppe. Die mitgebrachten Zutaten sind stets spärlich und bestehen nur aus Mehl, Schmalz und ein wenig Salz. Die frische Milch liefert die kleine Geiß, welche es sich auf einem nahegelegenen Fels gemütlich gemacht hat. Die Alten gehen dann bald dem weichen, wohlverdienten Heulager zu um auszuruhen. Die Jüngeren bleiben jedoch noch eine Zeit lang am Feuer sitzen um mit etwas Geplauder, dem sogenannten Huagart, den Tag zu beschließen. Manchmal kommt auch der ein oder andere Nachbar nach dem Nachtessen auf ein Schwätzchen - oder zu singen, zu spielen und zu scherzen.

Seit Montag haben sie hier in den steilen Mähdern ihre Arbeit verrichtet. Am Samstag wird schon zu Mittag die Arbeit eingestellt, oder wenn ein hoher Festtag ansteht, an dessen Vorabend. Am Sonntag, besonders aber am Festtag, muss man, wenn der Weg nicht allzu beschwerlich ist, in das Heimatdorf absteigen um dort dem Gottesdienst beizuwohnen. Wer da beispielsweise in Holzgau an einem solchen Festtag nach dem Gottesdienst über den Friedhof schreitet, möchte kaum glauben, dass jenes blonde Mädchen da das selbe ist, welches noch am Tag zuvor in grober Kleidung an einem Felszacken sich entlang hangelnd um die besten Gräser und Kräuter sich streckte. Jetzt, sauber gewandet in die prächtige Lechtaler Tracht und mit zartem Schmuck behangen, daherkommt und durch ihre Schönheit und Anmut besticht.

Lediglich das alte Mütterchen, dem der Weg vom Bergmahd bis zur fernen Kirche zu weit und zu beschwerlich ist, bleibt mit Erlaubnis des Pfarrers am Berg. Sie hält dort, vor dem Stadel sitzend, die grünen Wiesen und die schroffen Felsgipfel als Altar betrachtend, ihre ganz eigene Sonntagsandacht. Sie träumt von der Zeit, als sie noch als junges Mädchen an den steilen Mähdern die Arbeit verrichtete und abends neben dem Feuer sitzend den klaren Sternenhimmel betrachtete.
Abwandlung aus dem Aufsatz "Bergmähder" von Dr. Isidor Müller (1897)



bei der Bergmahd von herabstürzendem Stein getroffen und getötet - Madautal bei Bach im August 1933
"...schon hier bekommen wir in Bezug auf Steilheit einen Vorgeschmack von dem, was oben [an der Höfats] noch ärger werden soll. Diese Grasmatten liegen auf Schiefer, in einer Neigung bis zu 70° und auf ihnen wird Heu geerntet!
Solche Arbeit ist Männern möglich, welche von Kindesbeinen an dergleichen gewöhnt sind, stehen beim Mähen und beim Zusammentragen des Heues, indem sie selbes in zentnerschweren 'Bürden' auf den Kopf laden, in Steigeisen und sind bei diesem halsbrecherischen Geschäfte an der heißen Graswand den ganzen Tag über der brennenden Sonne ausgesetzt. Dieser 'Berghoibet' sind in den Allgäuer Alpen sehr viele, auffallend mehr als in den bayerischen und Schweizer-Alpen, die Form der Allgäuer-Berge ist die mehr 'aufrechte', schon von der Talsohle aus, was den Kalkstein charakterisiert. Auf derartigen Bergwiesen ist der Heuer wegen ihrer Höhe und Entfernung meist gezwungen, zu übernachten, um schon bei Tagesanbruch die Arbeit wieder aufnehmen zu können: da ist nun kein horizontaler Fleck zu sicherem Schlafe und der Heuer ist genötigt, ein Seil an einen Fels oder Strauch festzubinden und selbes um die Lenden zu schlingen, ohne welche Vorrichtung ein Umwenden im Schlafe oder ein lebhafter Traum ihm den gewissen Tod durch den Sturz über die Graswände und Felsgesimse brächte..."

Auszug aus dem Buch 'Die Algäuer Alpen bei Oberstdorf und Sonthofen - ein Führer für Fremde' (S.144, 1856)

Von der Gefährlichkeit dieser Tätigkeit zeugt auch ein Zeitungsbericht der Innsbrucker Nachrichten, vom 30. Oktober 1871:
"...Am 22. d. Mts. Früh, begab sich der Bauer J. Georg Koch zu Berwang, wie dem 'Tagblatt' von Außerfern geschrieben wird, mit zwei 10-12jährigen Söhnen zum Heuliefern in's Gebirge. An einer gefährlichen Stelle glitt er aus, vermochte sich nicht mehr zu halten und rollte, Kopf und Rumpf von Fels zu Fels zerschlagend, hundert Klafter weit herunter.
Sein Weib, durch das Jammergeschrei der zwei Knaben erschreckt, eilte vom Hause der Stelle zu, und als ihr der Sohn von Ferne die Worte des Unglücks zugerufen, fiel sie in Ohnmacht. Sie und 3 Kinder haben einen unermüdlich sorgenden und sparsamen Familienvater verloren, und sind mit einem ganz verschuldeten Anwesen in eine trostlose Lage versetzt..."






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