Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.  (gelesen 17124 mal)

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Offline Max

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Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« am: 07. Aug 2007 - 15:41 Uhr »
Hallo zusammen,

nach langer Zeit, gibts von mir mal wieder einen Tourenbericht aus den westlichen Lechtaler Alpen. Mit dabei waren Boris, mein Vater und ich.

Die Planung sah am ersten Tag den Anstieg von Zürs zur Stuttgarter Hütte und die Besteigung eines Gipfels in deren unmittelbarem Umkreis vor.
Am zweiten Tag traf Boris zu unserem Team und es sollte über die Erlispitze auf die Roggspitze gehen bzw. anschließend auf dem Höhenweg in Richtung Ulmer Hütte, genauer gesagt zum Pazielferner. Von dort Aufstiegsversuch auf die Westliche Pazielfernerspitze (2712 m) und Anstieg zum Trittkopf (2720 m). Zuletzt über den langen Nord-Gratrücken des Trittkopfs zurück nach Zürs. Aber es kam natürlich mal wieder ganz anders...

Tag 1:

Gegen halb Zwei trafen wir in Zürs ein, dass jetzt im Sommer vollkommen ausgestorben ist, nur die protzigen Hotelburgen erinnern an den florierenden Wintertourismus - einfach schrecklich. Bei der kleinen Kapelle beginnt der ausgeschilderte Steig zur Stuttgarter Hütte. Bald hat man die erste Geländestufe hinter sich gelassen und es geht bequem auf dem Ziehweg ins Hochtal der Pazielalpe hinein. Rechts taucht urplötzlich der wohl schönste Gipfel der Lechtaler Alpen auf: die Roggspitze (2747 m). Von links und rechts ziehen scharfe Gratkanten zum stolzen Gipfel empor, ein Blick den man nicht vergessen wird!

In Folge hält sich der Steig an die linken Grashänge und zieht in engen Kehren zur 2305 m hoch gelegenen Stuttgarter Hütte empor (1,5 Std. ab Zürs). Nachdem wir die schweren Rücksäcke zurückgelassen hatten, machten wir uns an die Besteigung der Krabachspitze (2522 m) - ein recht unscheinbares Gipfelchen, das aber schöne Aussicht ins Lechtal und die Allgäuer Alpen bietet. Zuerst schlendert man gemütlich auf dem Höhenweg Richtung Rauhekopfscharte. Nach Belieben verlässt man den Steig und strebt über sanfte Grasmatten, später in steilen Schrofen dem breiten Gipfel zu (weglos) - zurück über den Aufstiegsweg.

Zur Übernachtung auf der Hütte möchte ich nur Folgendes loswerden: Selten war ich auf einer Hütte, die so überteuert ist. Für schlappe 11 Euro, bekam man zwei Knödel in einer Brühe, die man auch noch selber würzen musste. Da bekommt man z. B. auf der Kemptner Hütte für das gleiche Geld einiges mehr!

Tag 2:
Nach einer unruhigen Nacht und dem üblichen Packen gesellte sich Boris gegen halb 10 zu uns. Auf dem Boschweg wanderten wir vergnügt nach Süden, bis wir den im unteren Teil breiten Nordwestgrat der Westlichen Erlispitze erreichten. Hier verließen wir den Weg und stiegen über steileres Gras den Grat hinauf, bis sich dieser merklich zusammenschnürte und ausgesetzt wurde. Hier war für uns Schluss, denn mit den schweren Rücksäcken wäre ein Weiterweg reichlich unangenehm gewesen. Während Boris den Grat vollends erstieg, umgingen mein Vater und ich das steile Gratstück über die geröllige Nordmulde der Erlispitzen. Oberhalb des Gratstücks trafen wir wieder zusammen und brachten die restlichen Höhenmeter bis zum Gipfel der Erlispitze hinter uns - am Schluss musste man nochmals in brüchigem Fels klettern (I). Unser eigentliches Ziel die Roggspitze ist nun um einiges näher gerückt. Die Schönheit dieses Berges kann man schlecht in Worte fassen, schaut einfach die Bilder an.
Rechts des Grats sollte es nun zur Roggscharte (Einschnitt zwischen Erli- und Roggspitze) hinab gehen. Kurz vor der Scharte muss man aber einen 4-Meter-Abbruch abklettern; unterhalb befindet sich eine unzugängliche 400-Meter-Schlucht, in die man voll hineinschaut. Im Gegensatz zu Boris, konnte ich mich nicht überwinden, die Stufe abzuklettern - der Traum von der Roggspitze war erstmal ausgeträumt. Anzumerken ist, dass der AVF die Stufe nicht mal erwähnt, obwohl es schon ein ausgesetzter IIer ist. Boris erreichte in einer Stunde ab Scharte den Gipfel, laut seiner Aussage eine recht anspruchsvolle Kletterpartie im zweiten Grad. In der Zwischenzeit kehrten wir zum Boschweg zurück und umgingen die Erlispitze auf der Westseite. Boris stieg nach der Gipfelbesteigung über steiles Gras (bei Regen unbedingt meiden!!!) direkt von der Roggscharte zum Boschweg hinab, wo wir exakt aufeinander trafen - was für ein Timing!

Wieder vereint wanderten wir auf dem vorzüglich in Schuss gehaltenen Höhenweg, unter den wilden Roggspitz-Wänden hindurch bis zu dem großen Schuttkessel, der vom Trittkopf, den dreigipfligen Pazielfernerspitzen und der Valluga eingerahmt wird. Bei einem Wegweiser angekommen, hielten wir uns rechts und steuerten auf die kläglichen Reste des früher sehr ausgeprägten Pazielferners zu (links geht’s zu Valluga). Am Ferner angekommen, verloren sich die Markierungen und Steigspuren vollends. Der Warnhinweis vom Wirt der Stuttgarter Hütte, dass man den Weg über die Trittscharte zur Ulmer Hütte nicht begehen sollte, war somit bestätigt. Da Boris und ich unbedingt die Westl. Pazielfernerspitze besteigen wollten, mussten wir die Lücke oberhalb der Trittscharte erreichen, über die ja auch der Höhenweg führt. Nur mit Hilfe der Karte, machten wir die richtige Lücke aus. Um dort hin zu gelangen, muss man sich eine schmale Geröllrinne empor kämpfen. Endlich oben angekommen, stellten wir fest, dass der Weg auf der anderen Seite wieder in Ordnung ist – nur das Stück über den Ferner und die Rinne sind im Moment nicht gescheit begehbar (Steigeisen für den Ferner ratsam).

Ohne Rucksäcke begannen wir den Aufstieg über die Südwestflanke zur Pazielfernerspitze (II). Oft wird über den AVF geschimpft, aber die Route zur Spitze hat Seibert super beschreiben – passt perfekt. Trotzdem war der Aufstieg reichlich unangenehm - Genuss ist was anderes. Überall lag loser Schutt herum und man musste drei Griffe anlangen, bevor man einen gefunden hatte, der hält. Zudem gings überall gut runter. Die vom AVF angedeuteten 30 min. schafften wir daher nicht, wir brauchten eine gute Stunde – ganz schön viel für 130 Höhenmeter. Der Gipfel selber wird wohl nicht sonderlich oft bestiegen, nicht mal einen Steinmann fanden wir am höchsten Punkt vor. Die Aussicht ist hingegen genial, vor allem die Roggspitze zieht die Blicke des Bergsteigers zwangsläufig auf sich. Der Blick über den zersägten Felsgrat zur Östlichsten der drei Pazielfernerspitzen ist ein weiteres Highlight.

Gegen halb fünf waren wir wieder zurück am Ferner und legten eine kurze Pause ein. Reichlich müde rafften wir uns auf und mobilisierten die letzten Kräfte für die 250 Höhenmeter zum Trittkopf. Der in den Karten eingezeichnete Steig existiert übrigens nicht mehr. Es gibt zwar noch einige verwaschene Markierungen, aber Ungeübten kann der Aufstieg nicht empfohlen werden. Das bei jedem Schritt wegrutschende Geröll dürfte sowieso nicht jedermanns Sache sein. Die Markierungen leiten einen jedenfalls schräg rechts hinauf zu einer begrünten Schulter, die schwierigste Stelle ist eine kleine Stufe (I). Auf der Schulter geht’s im Schieferschutt ohne Hindernisse zum überragenden Gipfel hinan. Die Aussicht lässt keine Wünsche offen, nur die höhere Valluga verdeckt einen kleinen Teil der Lechtaler Alpen. Da wir nicht über den Aufstiegsweg und das ausgedehnte Pazieltal nach Zürs zurückkehren wollten, verfolgten wir den breiten Rücken zum unbedeutenden Nördlichen Trittkopf hinab. Auch hier existieren die Wegspuren nicht mehr – bei Nebel wird man mit Sicherheit Orientierungsprobleme bekommen. Wir hielten uns noch eine ganze Weile auf dem Rücken, der sich im Mittelteil kurz zusammen schnürt. Der Rücken bietet übrigens einen vorzüglichen, wenn nicht den schönsten, Blick auf die Roggspitze, deren Felsen im Licht der untergehenden Sonne in ein zartes Rot getaucht werden – ein toller Anblick und ein würdiger Abschluss dieser Traumtour. Aber halt, noch waren wir nicht in Zürs. Die verbleibenden Höhenmeter über steile Grashänge und ein Weidegebiet gingen ganz schön in die Beine. Bei Nässe ist ein Abstieg hier nicht vertretbar und sollte unbedingt vermieden werden. Etwas rechts gehalten, kam bald die Trittalpe ins Blickfeld, wo sich der Kreis wieder schloss. Gegen 20 Uhr verstauten wir unsere Sachen und traten hundemüde die Heimfahrt an…

Fazit: Die 2 Tage in den westlichen Lechtaler waren sehr genussvoll. Die Tour lässt sich nach Belieben zusammenstellen. Roggspitze und Pazielfernerspitze fordern absolute Schwindelfreiheit, Trittsicherheit,  Kletterei im II. Grad, einen ausgeprägten Orientierungssinn und den Umgang mit brüchigen Steilschrofen. Der Trittkopf und die Krabachspitze verlangen Trittsicherheit, etwas Kletterei und wegloses Gehen. Wer gemütlich wandern möchte, dem sei der Boschweg auf jeden Fall ans Herz gelegt, eventuell mit Besteigung der Valluga und Abstieg über die Ulmer Hütte nach St. Christoph/ St. Anton. So weit ich weiß, besteht Busverbindung zwischen St. Christoph und Zürs - somit wäre der Rückweg gesichert.

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Bild 1: Blick vom Hüttenweg zur Roggspitze und zur Valluga (hinten)
Bild 2: Am Gipfel der Krabachspitze mit improvisierten Gipfelkreuz.
« Letzte Änderung: 05. Feb 2008 - 17:21 Uhr von Max »
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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #1 am: 07. Aug 2007 - 15:42 Uhr »
Bild 3: Am Nordwestgrat der Erlispitze. So steil wie es aussieht, war es auch.
Bild 4: Boris auf der Erlispitze mit der gewaltigen Nordabdachung der Roggspitze dahinter.
« Letzte Änderung: 07. Aug 2007 - 15:53 Uhr von Max »
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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #2 am: 07. Aug 2007 - 15:42 Uhr »
Bild 5: Unterhalb des Pazielferners - im Hintergund die Roggspitze von Süden gesehen
Bild 6: Auf der Westl. Pazielfernerspitze (2712 m). Der Gipfel bietet ein tolles Panorama, vorallem nach Süden zu den großen Verwall-Gipfeln. Hier im Bild sieht man den zerklüfteten Grat über die zwei anderen Pazielfernerspitzen zur Valluga.
« Letzte Änderung: 07. Aug 2007 - 15:48 Uhr von Max »
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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #3 am: 07. Aug 2007 - 15:43 Uhr »
Bild 7: Nochmals auf der Pazielfernerspitze. Links im Bild der Trittkopf. Von rechts unten nach links oben führt der nicht mehr instandgehaltene "Weg". Dahinter das Lechquellengebiet.
Bild 8: Nach oben hin fein zugespitzt und abweisend zeigt sich die Westl. Pazielfernerspitze vom gleichnamigen Ferner aus.
« Letzte Änderung: 08. Aug 2007 - 22:47 Uhr von Max »
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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #4 am: 07. Aug 2007 - 15:43 Uhr »
Bild 9 und 10: Am Nordgratrücken des Trittkopfs. Einmal mit Roggspitze und Valluga (oberes Bild) und mit den drei Pazielfernerspitzen (unten). Direkt über Boris' Kopf ist die von uns bestiegene westl. Pazielfernerspitze
« Letzte Änderung: 10. Aug 2007 - 18:30 Uhr von Max »
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Offline oliver

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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #5 am: 07. Aug 2007 - 16:26 Uhr »
@ Max

eine herrliche Rundtour, die Ihr da in den Lechtalern gedreht habt...eindrucksvolle Aufnahmen; schön auch das Lebenszeichen von Boris  ;)

Puuh, denke für uns wäre erstmal die Erkundung der Lechtaler vom Boschweg aus denkbar - Lechtaler sind für uns noch absolutes Neuland, vor allem sind aufgrund der NOCH längeren Anfahrt mind. 2 Tage einzuplanen; bis das mal klappt bleibt es halt beim Lesen eurer schöne Tourenberichte  :-L)

Ist neben Deiner ausführlichen Tourbeschreibung noch ein Bericht auf Gipfelsuechtig.de geplant?

Gruß
Oliver
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Offline Max

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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #6 am: 07. Aug 2007 - 16:50 Uhr »
Hi Oliver,

ob Boris was veröffentlichen möchte, weiß ich gar nicht. Auf der Gipfelliste werden die Berge schon angeführt werden, ob ein Bericht daraus entsteht kann ich allerdings nicht sagen.

Die Anfahrt nach Zürs ist aus eurer Ecke gar nicht so weit. Boris ist die A96 runter nach Lindau, weiter nach Bludenz und durchs Klostertal in exakt 2 Std. in Zürs gewesen.

Gruß, Max
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Offline Banni

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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #7 am: 07. Aug 2007 - 18:36 Uhr »

@ Max

Klasse Tour, die ihr da gemacht habt. Und wunderschöne Aufnahmen.  :-L)

Hast du von der von  dir erwähnten sehr ausgesetzten IIer-Stelle an der Roggspitze ein Bild?

Gruß Patrick
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Offline Max

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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #8 am: 07. Aug 2007 - 19:22 Uhr »
Hi Patrick,

sorry, aber hab leider kein Bild. Die Stufe kommt man schon irgendwie runter, hab mich vll. im ersten Moment zu sehr von dem Tiefblick abschrecken lassen und dann war Boris schon weg...

Gruß, Max
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Offline Schrofenkraxler

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Re: Roggspitze, Pazielfernerspitze & Co.
« Antwort #9 am: 07. Aug 2007 - 20:18 Uhr »
Hallo Max,

da habt Ihr Euch aber eine schöne Tour zum passenden Wetter ausgesucht  :-L). Das sieht aber bisweilen schon recht anspruchsvoll aus. Aber wie man an den prachtvollen Bildern unschwer sehen kann hat sich das auch gelohnt :spring:.

Gruß,
Mathias
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