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Harry Muré: Jeanne Immink - Die Frau, die in die Wolken stieg  (gelesen 1809 mal)

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Offline obadoba

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Vor einer Weile (vor einer langen Weile), habe ich den Finger gehoben, als gefragt wurde, wer ein Buch rezensieren will. Da war ein Buch über eine Pionierin des Kletterns dabei, über eine Frau, von der ich noch nie gehört hatte. Eine Frau, eine grosse Bergsteigerin und völlig unbekannt? Da war ich neugierig.

Auch wenn es lang gedauert hat, bis ich endlich dazu kam, das Buch gründlich zu lesen ... war eine super Idee, mich da zu melden, denn sonst wäre ich wohl nicht gerade über dieses Buch gestolpert. Ich war und bin begeistert  :)

Harry Muré
Jeanne Immink, Die Frau, die in die Wolken stieg – Das ungewöhnliche Leben einer großen Bergsteigerin

2010, Tyrolia, ISBN 978-3-7022-3075-3, 272 Seiten


Der Autor, Harry Muré, ist selber Bergsteiger und Kletterer. Das merkt man beim Lesen ganz deutlich und es tut dem Buch sehr gut. Man wird nie von schrägen Beschreibungen von der Erzählung abgelenkt :-)

Das Buch handelt im Wesentlichen von den wenigen Jahren, in denen die Holländerin Jeanne Immink in den Dolomiten erst Klettern lernte und dann am Ende des 19. Jahrhunderts (!!!) viele neue Routen erschloss und Erstbegehungen machte. Eine Frau. In einer Zeit, die von Männern dominiert war und bei einer Betätigung, in der man auch heute noch vergleichsweise wenige Frauen findet.

Was das Buch ganz besonders ansprechend macht sind die vielen Bilder, mit den der Autor es versehen hat. Speziell die Aufnahmen in den Bergen sind faszinierend. Ein paar Passagen im Buch beschreiben den Prozess zu so einem Bild mitten in der Wand. Da musste der Fotograf tonnenweise Ausrüstung in unwegsames Gelände schleppen und dann seine Protagonisten minutenland in unbequeme Stellungen kommandieren, um ansprechende Bilder zu bekommen.

Ganz im Stil der Zeit war Jeanne Immink immer einem Führer unterwegs. Da darf man sich nun nicht vorstellen, dass Frau Immink von diesen Führer ans Seil genommen und quasi auf den Berg gezerrt wurde (ebenso wenig wie die männlichen Bergsteiger dieser Zeit per Seil zum Gipfel gezerrt wurden). Seilschaften wie diese dürfen wohl eher als Partnerschaften gesehen werden.

Was Jeanne Immink in diesen Jahren geleistet hat, ist auch aus heutiger Sicht höchst beeindruckend. Zusammen mit ihren Führern (im Wesentlichen Antonio Dimai, Michele Bettega und Sepp Innerkofler) legte sie 20-Stunden-Touren am laufenden Band hin und schreckte auch vor 3000 Höhenmetern an einem Tag nicht zurück. Da sie dabei oft in noch völlig unerschlossenes Gelände vordrang, muss man das fast doppelt werten.

Die Ausrüstung jener Zeit ist aus heutiger Sicht nahezu gruselig: Hanfseile, kaum Sicherungsmaterial und genagelte Stiefel. Zum Klettern zog man allerdings etwas leichtere Schuhe an. Jeanne Immink erwies sich auch hier als Pionierin. Sie trug Männerkleidung, meist eine Lederkappe und erdachte einen festen Ledergürtel als Sicherungsgurt.

Das Buch ist faszinierend zu lesen. Einerseits natürlich wegen des Kletterns uns der tollen Bilder, aber auch, weil Harry Muré die Geschichte von Jeanne Immink mit der der Bergsteigerei jener Zeit generell verwebt. Dadurch wird noch viel deutlicher welche Leistungen Jeanne Immink tatsächlich erbracht hat (und wenn man wie ich von alpiner Geschichte nicht allzu viel weiss, dann lernt man sehr erstaunt allerlei Bemerkenswertes.)

Klappentext:
Dieses Buch erzählt die bemerkenswerte Geschichte der Holländerin Jeanne Immink, die sich dazu berufen fühlte, schwierige Berge zu besteigen, in einer Zeit, in der eine solche Beschäftigung für eine Frau, zumal allein mit Kind, noch als höchst unkonventionell und skandalös galt. Als erste Frau kletterte sie – in Hosen, wider die Gepflogenheiten ihrer Zeit – den vierten, damals obersten Schwierigkeitsgrad, der um 1890 nur einer Handvoll Männern vorbehalten war. Mit einer Vielzahl von Erstbegehungen und Gipfelbesteigungen in den Dolomiten stellte sie unter Beweis, dass auch eine Frau imstande ist, schwierigste Routen zu meistern. Frei und unabhängig zog sie durch die Alpen, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Für ihre Ziele engagierte sie die besten Bergführer. Mit Sepp lnnerkofler, dem späteren Kriegshelden, bildete sie eine großartige Seilschaft. lm steilen Fels bewegte sie sich ebenso sicher und selbstbewusst wie in der Wiener oder Münchner Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Durch die Aufnahmen von Theodor Wundt, einem damals bekannten Bergfotografen, ist ihr Bild – das erste Foto einer kletternden Frau, das auch als Titelbild verwendet wurde – der Nachwelt erhalten geblieben. Zwei Gipfel wurden nach ihr benannt, die Cima Immink im Jahr 1891 und der Campanile Giovanna (= Jeanne) zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Die beiden Bergspitzen – Jeanne Imminks Visitenkarte – stehen nebeneinander in der Palagruppe in den südlichen Dolomiten.

Mehr über das Buch hier: http://www.jeanne-immink.at/
« Letzte Änderung: 11. Nov 2010 - 21:33 Uhr von obadoba »
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