»    Kultur & Geschichte    »    das vorgeschichtliche Außerfern/Allgäu


das vorgeschichtliche Außerfern/Allgäu



Rekonstruktionszeichnung Freilichtmuseum Heuneburg (Kelten)

Seiteninhalt
  • Eiszeit
  • Steinzeit
  • Bronzezeit
  • Eisenzeit


  • der Eispanzer


    Bereits vor etwa 120000 Jahren hatte sich das weltweite Klima soweit abgekühlt, dass an den Polkappen und den alpinen Zonen im Gebirge die Schneemassen auch den Sommer über nicht mehr abschmolzen, sodass sich im Laufe der nächsten Jahrzehntausende riesige Eisschilde ausbildeten. Gespeist aus den höchsten Regionen der Zentralalpen schoben sich enorme Eismassen vom jeweiligen Scheitelpunkt in die Tiefe. Dabei glitten sie auf den abgesprengten Schottern über die Felsrücken und hobelten so über die Zeit Furchen in den Gesteinsuntergrund. Diese Furchen weiteten sich bald zu Tälern auf, wobei die Gletscherströme der großen Täler die Eismassen der kleineren Seitentäler mit sich nahmen.


    Temperaturverlauf der letzten 25000 Jahre


    So schob sich der mächtige Lechgletscher durch das Tal gegen Norden. Durch das Gurgltal kommend verzweigte sich der Inntalgletscher, entsendete einerseits seine kalte Fracht gegen Garmisch-Partenkirchen hinaus und andererseits durch das Zwischentoren gegen den Lechgletscher. Die Oberfläche des Gletschers erreichte im Reuttener Kessel dabei eine Höhe von etwa 1700 Metern. In den Tälern bildeten sich dabei häufig Ausschürfungen die sich nach dem Abschmelzen der Eismassen zu Seen ausbilden sollten. Die meisten der Seen im Forumsgebiet sind Überbleibsel der vergangenen Kaltzeit.

    am Ende der Würm-Eiszeit


    Vor etwa 12000 Jahren endet also in Mitteleuropa die Würm-Eiszeit mit einem rasanten Temperaturanstieg und dem Übertritt vom Pleistozän in das Frühholozän. Die Aussage 'rasant' entspricht jedoch lediglich dem Maßstab einer erdgeschichtlichen Betrachtung, für den Menschen besser fassbar vollzieht sich diese Entwicklung von etwa -15°C im Jahresdurchschnitt hin zu +3°C während einer Zeitspanne von etwas mehr als 2000 Jahren.

    Etwa im 7. bis 6. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung wird das Maximum dieser bis heute andauernden - sich aber kontinuierlich abkühlenden - Warmphase erreicht. Die Vergletscherung in den Alpen ist wesentlich kleiner als heute, die Baumgrenze liegt dadurch bedeutend höher und die klimatisch günstigen Bedingungen erlauben einen Anstieg der Bevölkerungszahlen nördlich des Alpenbogens.

    erste Spuren von Jägern und Sammlern



    spätpaleolithisches Abri am Weißenseeberg
    Die mit etwa 11500 Jahren (+/- 300 Jahre) älteste Station im gesamten Einzugsgebiet des Forums, ist jenes Abri unterhalb der Seewände am Weißenseeberg. Unter der Leitung der Archäologin Birgit Gehlen fanden dort Mitte der Achtziger Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts mehrere Grabungskampagnen statt. Die zeitliche Einordnung reicht hier also in das Spätglazial - das sogenannte Alleröd - zurück.
    Ob die Höhlengänge südlich, oberhalb von Unterpinswang - dort wo sich heute die ruinösen Reste der Höhlenburg "Schloss Loch" finden - ebenfalls als steinzeitliches Jägerlager dienten konnte bisher nicht geklärt werden. Da es sich aber im Grunde um den selben Höhenzug handelt und die räumliche Entfernung sehr gering ausfällt, ist bei dieser Annahme mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu rechnen. Darüber hinaus findet sich aber im Bereich der Hangenden Wand (Ländeweg) ein historisch belegbarer Lagerplatz aus mesolithischer Zeit.

    In den Zeitraum der maximalen Temperaturspitzen um 8000 v. Chr., also dem Frühmesolithikum, fällt das steinzeitliche Jägerlager - auf der nachmaligen Alpe Schneiderküren - am Fuße der Gottesackerwände im Bereich des Hohen Ifens gelegen. Zu diesem Jägerlager zählen überdies weitere steinzeitliche Stationen, welche einen Urpfad quer durch das Kleinwalsertal erahnen lassen. An besagten Stationen konnten durch mehrere Grabungskampagnen des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Innsbruck zahlreiche Steinwerkzeuge, ein Schlagplatz, ein umfangreiches Feuerstein-Depot als auch eine durch den damaligen Menschen genutzte Abbaustätte des Radiolarit-Gesteins freigelegt und erforscht werden.
    Die hier gewonnen Steinwerkzeuge erfuhren eine Verbreitung im nahen Allgäu bis in den Großraum Alpenrheintal, womöglich aber noch weiter.

    Silex
    Silex ist der Überbegriff für jene Gesteine aus Siliciumdioxid (SiO2), welche sich durch ihr scharfkantiges Bruchverhalten ideal zur Herstellung von Steingeräten eignen. Gerade im Bezug auf die Steinzeit-Forschung im alpinen Bereich sind Funde von Steinwerkzeugen besonders wichtig um Verbindungswege und Berührungspunkte verschiedener Kulturgruppen und den technologischen Austausch derer besser nachvollziehen zu können.
    Auch im Gebiet der Lechtaler Gemeinde Bach hat ein Innsbrucker Forschungsteam einen solchen Radiolarit- und Hornsteinaufschluss genauer untersucht. Den vorsichtigen Einschätzungen der Experten zufolge, könnte am Rothornjoch etwa ab dem 6. Jahrtausend vor Christus eine Feuerstein-Abbaustätte bestanden haben. Ein Zusammenhang der beiden genannten Silex-Lagerstätten erscheint dabei durchaus als wahrscheinlich. Räumlich trennen diese beiden nämlich gerade einmal rund 13 Kilometer Luftlinie und auch hier findet sich mit dem Weg durch das Höhenbachtal - heute dem E5-Weitwanderweg entsprechend - ein "Urpfad" in dessen Nähe.

    Nördlich an den vorgenannten Urpfad anschließend, finden sich mehrere steinzeitliche Fundstätten im Bereich des Ochsenberges bei Tiefenbach und dem Landstrich um Oberstdorf. Bereits in den 1930er-Jahren begann der kroatische Adlige und Hobbyarchäologe Christoff Graf von Vojkffy mit der systematischen Erforschung des Oberstdorfer Talbeckens. Gleich an mehreren Stellen wurde er fündig und förderte im Laufe mehrerer Jahre über 680 Steinwerkzeuge aus heimischem Radiolarit zu Tage.


    Jagdstation der Steinzeit - der Ochsenberg
    Ob der Silex aus dem Gebiet des Kleinwalsertals und des Höhenbachtals auch im östlichen Allgäu zum Einsatz kam, muss noch geklärt werden - gilt aber als wahrscheinlich. Jedenfalls kamen im Verlauf der letzten 60 Jahre zahlreiche steinzeitliche Lagerplätze zum Vorschein. Gerade im Uferbereich des Forggensees wurden mehrere davon lokalisiert und zum Teil archäologisch untersucht. Weitere Fundstellen in dem Gebiet: Bannwaldsee-Judenberg, Brunnen, Hopfen-Enzensberg, Hopfensee, Hopferau-Pertlesbichl, Horn-Frauenberg, Nesselwang, Pfronten (Ösch und Berg), Roßhaupten und Schwangau-Mühlberg.

    Interessant an den Funden vom Forggensee ist der Umstand, dass die Netzwerkbildung dieser Zeit (rund 7000 v. Chr.) aber zum allergrößten Teil über den Alpenhauptkamm hinweg geschieht. Wohingegen von kulturellen Berührungspunkten mit dem Nahen Bodenseeraum zumindest bisher recht wenig belegbares aufgefunden wurde. Vor allem die gesichert festgestellte Verbindung in das Etschtal kann dabei durchaus die Wahrscheinlichkeit der Nutzung dieser Trasse, auf welcher rund siebentausend Jahre später einmal die Via Claudia Augusta verlaufen wird, bereits im Mesolithikum unterstreichen.
    Erst nach dem 6200-Ereignis, auch als Misox-Schwankung bezeichnet - eine Klimaschwankung der nördlichen Hemisphäre, welche nachweislich die Kulturentwicklung beeinträchtigt hat - zeigen sich erste Annäherungen und ein technologischer Austausch zum Oberen Donauraum hin. Die Funde zeigen darüber hinaus auch, dass die Lagerplätze über relativ lange Zeiträume immer wieder von der vermutlich selben Gruppe angesteuert werden.



    Neolithikum


    Mit dem Eintritt in das Zeitalter des Neolithikums beginnt ein Wandel - weg von der Kultur der Jäger und Sammler, hin zum sesshaft werdenden Bauern. Die nährstoffärmeren Böden des unmittelbaren Alpenvorlandes konnten die Menschen jener Zeit nicht ernähren. Die ersten dauerhaften Ansiedlungen der sogenannten bandkeramischen Kultur um etwa 5500 v. Chr. fanden sich deshalb weiter im Norden, auf Höhe Marktoberdorf, Kaufbeuren, Schongau und vorrangig am Lauf der Donau, im Bereich jener ertragreichen Lößböden welche aus den eiszeitlichen Ablagerungen entstanden waren. Einzig für den Auerberg ist ein Getreideanbau wesentlich weiter südlich in dieser Zeit nachgewiesen.

    Einen Hinweis auf die Nutzung der inneralpinen Übergänge am Ende der Jungsteinzeit gibt uns indirekt der wohl berühmteste Alpenbewohner - der "Mann vom Tisenjoch" - besser bekannt unter dem Namen Ötzi.
    Untersuchungen des Mineralienstatus der Zähne, sowie Pollenanalysen lassen gewisse Rückschlüsse auf die zurückgelegten Strecken des Mannes zu, der mit großer Wahrscheinlichkeit aus dem Eisacktal stammte. Seine letzten Stunden im Leben verbrachte er damit, auf ausgedehnten Streifzügen in der Bergwelt Südtirols über mehrere erhebliche Anhöhen zu steigen. Vermutlich wäre er, hätte man ihn nicht am Tisenjoch getötet, weiter durch das Niedertal in das nahegelegene Ötztal abgestiegen.

    Schon seit Jahrtausenden wurden - und werden immer noch - mehrere tausend Schafe von den Südtiroler Weideflächen Sommers über die Jöcher zu den Hochweiden nördlich der Wetterscheide des Alpenhauptkammes getrieben. Bei Vent wurde der "Hohle Stein" schon um etwa 7500 v. Chr. als mesolithisches Jägerlager genutzt, zwischen 4500 und 4000 v. Chr. begann eine Siedlungstätigkeit im Bereich des heutigen Sölden - von Süden! Erst rund 1000 Jahre später, während der sogenannten Kupfersteinzeit, bewegt sich auch der "Mann vom Tisenjoch" auf diesen bereits bestehenden Pfaden. Es bedarf dann eigentlich nur noch wenig Fantasie sich vorzustellen, dass diese Pfade wohl auch entlang weniger anspruchsvollen Streckenabschnitten weiter gegen Norden durch die Täler hinaus in die Ebene nördlich der Alpen geführt haben könnten. Trotzdem lassen sich diese Vermutungen, zumindest für das Außerfern, nicht mit Funden oder anderen Hinweisen untermauern.

    nach oben

    Bronzezeit


    Schon für die Zeit um 2000 v. Chr. sind mit dem Anbruch der Bronzezeit in Mitteleuropa erste Handelskontakte zwischen Nordeuropa (Bernstein) und dem Raum der Ägäis (Keramiken) bekundet. Die Handelswege wurden inneralpin als Saumwege angelegt bzw. erfuhren, wenn sie schon Bestand hatten, eine Weiternutzung. Erst etwa 1800 vor Christus treten erste handfeste, bronzezeitliche Artefakte innerhalb des Außerferns zu Tage. Meist handelt es sich dabei um Waffenbestandteile und kultische Gegenstände, welche an Jöchern oder Anhöhen wohl absichtlich bzw. zum Dank an die Götter als Votivgaben abgelegt wurden.


    Lanzenspitze
    Schattwald
    Funde 1800 v. Chr.
    Lanzenspitzen aus Bronze
  • Gemeindegebiet Bach
  • Höhenbachtal, Holzgau
  • Oberstdorf - umliegende Hochtäler (Lanzenspitze und Bronzebeil)

  • Randleistenbeil
  • Fernpass, Biberwier


  • Funde 1700 bis 1500 v. Chr.
  • Teile eines Dolches in Reutte
  • bronzezeitlicher Bestattungsfund bei Schattwald (Lanzenspitze)
  • bronzenes Lappenbeil auf der Imster Ochsenalpe


  • Im Agathazeller Moor wird im 18. Jahrhundert vor Christus ein Bohlen- oder Prügelweg (im 17. Jahrhundert als "hülze Stroß" [hölzerne Straße] bezeichnet) angelegt. In einigen historischen Abhandlungen wird meist davon ausgegangen, dass dieser bronzezeitliche Weg lediglich die umliegenden Gehöfte miteinander verbunden hätte. Möglicherweise hatte diese technische Meisterleistung der damaligen Zeit aber einen weit höheren Verwendungszweck - nämlich als Teilstück eines Handelsweges, welcher von der Donau kommend über die Iller an den Fuß der Berge führte. Dort wo die Iller keine Befahrung mehr zuließ, wurde vielleicht eine Straße angelegt, die rechts der Iller - vorbei am urgeschichtlich bedeutungsvollen Schöllanger Burgberg - über Oberstdorf ins Tal der Trettach leitete. Ein möglicher Saumweg gilt gerade im Bereich des Mädelejoches und des Höhenbachtals schon aufgrund seiner bronzezeitlichen Fundpalette einer weiteren Betrachtung würdig.

    Im Gebiet nördlich der Alpen hatte sich indes im Verlauf der Mittleren Bronzezeit die Hügelgräberkultur etabliert. Benannt nach ihrer charakteristischen Bestattungsart, dem auch als Tumulus bezeichneten Hügelgrab. Ab 1300 v. Chr. geht diese in die Urnenfelderzeit der späten Bronzezeit über. Waren die Siedlungen der Hügelgräberkultur noch fast ausschließlich auf Bergkuppen und Anhöhen anzutreffen, wandeln sich diese Ansiedlungen in der Urnenfelderzeit nicht selten zu Befestigungsanlagen. Viele der neu angelegten Siedlungen werden auch in den Talniederungen errichtet - meist an den Flussläufen, welche schon seit jeher als Transportwege für Handelsgüter genutzt werden.

    Am Beginn der späten Bronzezeit ist auch erstmals eine Kulturflächengewinnung im Außerfern fassbar. Eine Pollenanalyse erbringt den Nachweis einer Brandrodungstätigkeit um 1200 v. Chr. - einer klimatisch günstigen Warmphase - innerhalb des Lermooser Moos. Eine Siedlungskontinuität ergab sich daraus aber eher nicht.

    nach oben

    Kelten und Räter


    Auch für die anbrechende Eisenzeit kann für das Außerfern lediglich die Funktion als "Transitland" nachgewiesen werden. Siedlungsspuren finden sich hier nicht - wohl aber in den benachbarten Regionen des Allgäus und dem Inntal.


    Votivfigur
    rätisch
    Aus dem Donauraum kommend gelangten um 500 v. Chr. die ersten Kelten entlang der Flussläufe der Iller und des Lechs in das Alpenvorland. Eine größere Ansiedlung entstand dabei nachweislich im Stadtgebiet des heutigen Kempten - das keltische Cambodunum gilt als der Hauptsitz der Estionen. Deren südliche Nachbarn waren die Brigantier am Bodensee und weiter östlich siedelten die Likatier am Ufer des Lechs, vermutlich bis an den Fuß der Berge bei Füssen. Ihren legendären Hauptsitz Damasia vermutete man lange am Gipfel des Auerbergs, letztlich ließen sich aber bislang keine derartigen Spuren aus keltischer Zeit finden - die Frage nach dem Standort dieses "akropolisgleichen" Baues muss also offen bleiben.

    Alle diese Stämme zählt man letztlich zu der übergeordneten keltischen Gruppe der Vindeliker und werden in mehreren antiken Quellen wie beispielsweise bei Strabon genannt und am Tropaeum Alpium, dem Siegesdenkmal des späteren römischen Alpenfeldzuges, gar in Stein gemeißelt. Wobei es schwerlich möglich ist sie als einheitliches Volk zu bezeichnen, da sich die einzelnen Gruppierungen nie als einer nationalen oder ethnischen Identität DER Kelten zugehörig fühlten. Sie teilten lediglich die Sprache, im täglichen Leben hingegen bekämpften sie sich gegenseitig oft und mitunter auch heftig wenn es um die territoriale Vorherrschaft in irgendeinem Landstrich ging. Diese Uneinigkeit verhinderte stets eine militärische Machtbildung und trug so letztlich auch erheblich zu ihrem späteren Untergang bei.

    Den Übertritt in den Status einer Hochkultur konnten die isoliert wirtschaftenden und lebenden Zellen deshalb aus politischer und gesellschaftlicher Sicht aufgrund ihres Stammes-Denkens also gar nie schaffen. Trotzdem waren die Produkte und Wirtschaftsgüter der Kelten weitum äußerst begehrt, gerade was die Eisen- und Waffenproduktion aus deren Werkstätten anbelangte. So werden sie heute in manchen Schriften gar als die „Herren des Eisens“ bezeichnet.
    Generell verfügten die keltischen Schmiede und Handwerker über eine so große Geschicklichkeit und Fertigkeit, dass ihre Werke einer Hochkultur würdig gewesen wären oder gar jene Kunstgegenstände von anderen, tatsächlichen Hochkulturen in den Schatten stellten.

    Noch heute ist man sich uneins, ob auch im Bereich Allgäu und dem Außerfern die notwendigen Erze abgebaut wurden und vor allem, wo sich der antike Ort der Verhüttung befunden haben könnte. Die Indizien sprechen für den Gabis bei Roßhaupten, als Abbauort könnte die Region rund um den Säuling in Erscheinung treten. Dort wo auch Jahrhunderte später der heilige Magnus auf ein vermeintlich "wildes Volk" traf, welches jedoch scheinbar Kenntnis um den Verwendungszweck des Erzes hatte.

    In keltischen Zentren spielte sich das Leben im Umfeld der Fürstensitze ab. In Weilern und auf viereckigen, eingefriedeten Gehöften (Viereckschanzen; ab ca. 200 v. Chr.) inmitten ihrer Felder, rund um den Häuptlingssitz gingen die Menschen einer überwiegend bäuerlichen Tätigkeit nach. Der Fürst scharte die Krieger-Elite des Stammes um sich und kontrollierte die Straßen und Wege. Gemeinsam mit den ebenfalls adeligen Druiden beanspruchte der Fürst den uneingeschränkten politischen Machteinfluss im Hinblick auf die Sippe und die wirtschaftlichen Belange.


    keltischer Hof innerhalb einer sogenannten Viereckschanze
    Die Häuser der Kelten wurden stets in Holzbauweise errichtet, nur sehr selten gibt es aus Stein errichtete Bauten welche auf die Kelten zurückgehen. Als Beispiel kann hier die Fliehburg bei Ottacker (Sulzberg) am Rande des Illertales aufgeführt werden, welche aber nicht als Behausung genutzt, sondern eben als Schutz vor Feinden diente. Wohnhäuser und Wirtschaftstrakte wurden als Pfostenbauten mit Flechtwerk und Lehmverputz oder als Blockhäuser errichtet. Die Dächer wurden zumeist aus Schilf oder Stroh, im bergnahen Bereich vermutlich auch aus Baumrinde angefertigt, die Böden aus Lehm gestampft und verdichtet.

    Üblicherweise bestand ein solcher keltischer Wirtschaftshof aus mehreren Gebäuden: Wohnung, Stall, Werkstätten - allesamt voneinander getrennt. Bei Nachbauten im Zuge der experimentellen Archäologie hat sich gezeigt, dass bei den für den Webstuhl errichteten Hütten mit eingetieftem Boden eine konstante Luftfeuchtigkeit erzielt werden konnte, welche sich entscheidend auf die Qualität der Erzeugnisse niederschlug.
    Die Getreidespeicher hingegen wurden auf Pfosten gestellt, damit Mäuse und andere Schädlinge nicht an die Nahrungsvorräte gelangen konnten.

    (bislang bekannte) Siedlungsspuren aus keltischer Zeit:
    - Agathazeller Gallmoos (Goimoos, Goymoos)
    - Altstädten
    - Kempten (Cambodunum) als antikes Zentrum der vindelikischen Estionen (lt. Strabon)
    - Oberstdorf
    - Ottacker bei Sulzberg
    - Pfefferbichl bei Berghof (Ostallgäu)
    - Schöllanger Burgberg
    - Sonthofen (Gribesgraben)
    - Sulzbrunn bei Sulzberg

    Als Grundnahrungsmittel galten die Getreidesorten Dinkel, Gerste, Hafer und Weizen, wobei diese zu Brot verarbeitet oder zu einem Brei verkocht wurden. Der Hafer wurde mit Wasser oder Milch zu einer Masse mit cremiger Konsistenz verkocht. Je nach Geschmack und Saison landeten darin auch schon mal Äpfel, Birnen oder Nüsse. Üblicherweise aber aß der weniger begüterte Kelte dieses Mus ohne jegliche Einlage und nur sehr schwach gewürzt.
    Es kamen auch Hülsenfrüchte wie Linsen und Erbsen und bei den Gemüsesorten Karotten, Rüben, Salat und Zwiebeln in der keltischen Küche zum Einsatz. Der wohlhabende Kelte leistete sich auch Fleischspeisen, wobei abgesehen von den Haustieren auch Wildtiere in der Speisefolge auftauchten. Gejagt wurde nach dem Ur(rind), Rotwild, Rehe, Elche, Wildschweine, Bären und sogar Hunde wurden verspeist. Das Pferd stand üblicherweise als Last- und Zugtier oder zur Kriegsführung in Verwendung, konnte aber ab und an auch im Kochtopf landen. Bei den Haustieren standen Rinder, Schafe und Ziegen im Stall oder auf den Weiden und die Schweine wühlten in den Wäldern und Waldrändern nach fressbarem. Den Durst stillte man mit Wasser, Kräutertee, Milch, (Weizen)Bier (mit Honig) und Wein, wobei letztere aber wohl den höher gestellten Schichten vorbehalten blieben.

    Die südlichen Nachbarn der Kelten waren die Räter im inneralpinen Raum im Bereich des Inntals. Eine rätische Votivfigur, aufgefunden im Bereich der Parzinnspitze (Gemeindegebiet Pfafflar - Lechtaler Alpen), lässt auf einen Kontakt und Handelsbeziehungen mit den im Alpenvorland lebenden Kelten schließen. Rätische Spuren finden sich aber auch im Bereich von Unterammergau als Schriftzeichen im Gebiet des Pürschlings - Ergebnisse einer genaueren Untersuchung derer fehlen aber noch.
    Die nordöstlichen Nachbarn stellte der keltische Stamm der Boier dar, mit deren Gruppen die Vindeliker Handel getrieben haben. Da im unmittelbaren Alpenvorland durch die Kargheit des Bodens und der klimatischen Verhältnisse nur sehr geringe Erträge an Getreide erzielt werden konnten, bezogen sie das Korn mit großer Wahrscheinlichkeit von den auf den fruchtbaren Lößböden siedelnden Boiern. Im Gegenzug dazu gaben die Bewohner Vindeliziens ihren Überschuss an Pech, Kienspan (Späne aus Kiefernholz; gut brennbar da terpentinhaltig), Wachs, Honig und Käse - dem "Exportschlager" der im Voralpenland lebenden Keltengruppen - an die jeweiligen Handelspartner ab.

    Wenn im Land der Vindeliker doch einmal ein Getreidefeld bestellt wurde, handelte es sich zumeist um die sehr widerstandsfähige Weizensorte des Vesens (heute Dinkel oder auch Schwabenkorn genannt) welches in diesen Breiten nachweislich schon seit der Jungsteinzeit angebaut wurde. Das Korn wird bei dieser Getreideart von mehreren Spelzen gegen die Kälte geschützt und kann so auch größere Temperaturschwankungen verkraften. Sollte aber ein unverhältnismäßig schlechter Sommer die Ausreifung selbst beim Dinkel verhindern, gibt es noch die Möglichkeit das Korn vorzeitig zu ernten um es als den sogenannten Grünkern in gedarrter Form (gedörrt) auf zu bewahren und für die Wintermonate haltbar zu machen.



    Noch im Jahr 1861 vermutete der Autor Josef Feistle die älteste Zeit in der Gegend um Füssen - und damit auch jene des Reuttener Beckens - folgendermaßen:
    ...die jetzt so schöne Gegend Füssens war noch kurze Zeit vor Christi Geburt eine große, fast undurchdringliche Wildnis. Bären und Wölfe hausten in den tausendjährigen Urwäldern, und giftiges Gewürm bewohnte die großen Sümpfe und Moore. Nur sehr wenige menschliche Bewohner hatten sich an den beiden Lechufern in dürftigen Hütten angesiedelt, und lebten von der Jagd und dem Fischfange. Ihre Kleider waren die Häute der erlegten Tiere...


    verwendete Literatur und Quellen:


  • Heimat Ausserfern, Ferdinand Fuchs
  • Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte
  • ZAMG
  • wissenschaftliche Artikel, Birgit Gehlen
  • Geschichte der Stadt und der gefürsteten Grafschaft Kempten, Johann Baptist Haggenmüller (1840)



  • Aufrufe: 45447