Tourenbericht Ortler Nordwand  (gelesen 9961 mal)

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DavidXXXX

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Tourenbericht Ortler Nordwand
« am: 27. Sep 2011 - 22:41 Uhr »
Servus,

ich weiß, der Ortler liegt nicht gerade im Forumsgebiet und die Nordwand ist nicht jedermanns Sache. Trotzdem stelle ich diesen Bericht und einige Fotos ein, die ein paar Einblicke in die Welt des steilen Eises geben.



Unser an Pfingsten gescheiterter Versuch die Ortler Nordwand zu durchsteigen hat mir einen schweren Rückschlag versetzt. Ich habe so lange auf diese Tour hingearbeitet und mich darauf gefreut, und dann hat es nicht geklappt. Die Verhältnisse waren damals sehr schwierig und es waren einfach zu viele Leute in der Wand. Ich stellte mich schon seelisch und moralisch darauf ein bis zum nächsten Frühjahr auf einen neuen Versuch warten zu müssen, doch manchmal kommt einfach alles anders als man denkt…

Am 1. September begann ich mein Freiwilliges Ökologisches Jahr am Institut für Klimaforschung und atmosphärische Umweltforschung in Garmisch Partenkirchen. Bereits in der ersten Mittagspause mit ein paar Kollegen horchte ich mich nach versierten Bergsteigern am Institut um. Man sagte mir da gibt es einen, den Michael, der gehe Eisklettern und so. Also hab ich Michael aufgesucht und wir haben kurz ein paar Worte gewechselt. Auch die Ortler Nordwand wurde angesprochen und dass man sie ja im Herbst bei guten Verhältnissen angehen könnte. Das hört sich ja schon mal gut an hab ich mir gedacht, vielleicht muss ich für einen zweiten Versuch doch nicht bis nächstes Jahr warten. Gegen Ende September gab es dann auf den Bergen ordentlich Neuschnee und der Michi hat mir eine Mail geschrieben und mich gefragt, ob ich bei einem Durchsteigungsversuch der Nordwand dabei wäre, sobald sich der Neuschnee etwas gesetzt hat. Diese Frage lies ich mir natürlich nicht zweimal stellen, und so fuhren wir ein paar Tage später am Wochenende Richtung Sulden. Ganz sicher waren wir uns unserer Sache aber nicht, der Hüttenwirt der Tabarettahütte hat zwar gesagt die Verhältnisse in der Wand seien sehr gut und es werden wohl keine weiteren Lawinen abgehen (seit dem Neuschneefall gingen große Pulverschneelawinen die Wand hinunter), doch ein Restrisiko bleibt immer, besonders bei den relativ hohen Temperaturen (die Nullgradgrenze lag bei etwa 3600m). Gegen Abend kamen wir auf der noch geöffneten Tabarettahütte an und bekamen ein äußerst üppiges und gutes Abendessen. Nachdem wir dann unser Zeug gepackt hatten gingen wir recht bald ins Bett, denn der Aufbruch war für halb zwei in der Früh geplant. Nach einer für mich mehr oder weniger schlaflosen Nacht, trotz der äußerst bequemen Lager, ging es dann endlich los Richtung Wand. Wir querten von der Hütte weg über ein langes, schneebedecktes Schotterfeld bis wir den kleinen Nordwandferner am Fuß der Wand erreichten. An Pfingsten führte damals ab hier ein glattes, steiles Firnfeld die Flanke bis zum Flaschenhals empor (der Flaschenhals ist die engste Stelle der Wand und liegt auf etwa 3400m), was wir aber nun vor uns hatten war das krasse Gegenteil: alles war von Lawinen zerfurcht und wir hatten ein Labyrinth aus Firn, Eis und Schutt vor uns, welches wir jedoch ohne Verhauer hinter uns brachten. Mit der Zeit wurde es dann steiler, das Eis hatte aber einen griffigen Schneeüberzug und so begannen wir erst kurz vor dem Flaschenhals zu sichern. Ab hier wird es bis zum Ausstieg aus der Wand nie flacher als 60°/65° (stellenweiße 80°), was ganz schön in die Waden geht, weil man viel auf den Frontalzacken der Steigeisen stehen muss. Nach bestimmt über 15 Seillängen und insgesamt 9 Stunden seit Aufbruch haben wir dann den 3905m hohen Gipfel des Ortler gegen halb eins erreicht. Außer uns war an diesem Tag niemand am Berg unterwegs (wir haben zumindest niemanden gesehen) was uns sehr entgegen kam, uns aber auch überraschte. Bei dem schönen Wetter und den perfekten Verhältnissen hätten wir damit gerechnet die Wand nicht für uns allein zu haben, geschweige denn den gesamten Berg. Der Abstieg erfolgte über den Normalweg und gestaltete sich als etwas mühsam aber unproblematisch. Nach zwei längeren Trinkpausen auf der Payer- und Tabarettahütte, und nach der Verewigung im Wandbuch der Tabarettahütte, kamen wir gegen halb acht etwas geplättet in Sulden an.

Mit dieser Tour habe ich mir einen Traum erfüllt, der schon seit ein oder zwei Jahren in meinem Kopf Gestalt angenommen hatte und sich dort festgesetzt hat. An Pfingsten ist einiges schief gegangen, dafür lief nun alles wie am Schnürchen…

Viele Grüße,
David

[gelöscht durch Administrator]
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Offline Grimpeur

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #1 am: 27. Sep 2011 - 22:59 Uhr »
top Tour und top Hose hat der Kollege da  :tanzen: :lol2:

Nochmal Glückwunsch!

VG
Sven
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DavidXXXX

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #2 am: 28. Sep 2011 - 00:49 Uhr »
mehr Bilder ;D
« Letzte Änderung: 04. Aug 2015 - 10:51 Uhr von kalle »
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Offline obadoba

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #3 am: 28. Sep 2011 - 05:39 Uhr »
Wow!
Vor 2 Wochen (direkt vor dem Schneefall) haben wir uns vom Normalweg die Wand in Natura angeschaut und mir ist buchstäblich bei jedem Blick in die Rinne ein Schauer über den Rücken gelaufen. Was ein gruseliges Teil!

Glückwusch zur geglückten Besteigung (und Rückkehr)!
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Offline Kristian

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #4 am: 28. Sep 2011 - 11:38 Uhr »
Allen Respekt zu dieser gelungenen Tour.  Weiter so, aber immer mit der nötigen Vorsicht.

Zitat
ch weiß, der Ortler liegt nicht gerade im Forumsgebiet und die Nordwand ist nicht jedermanns Sache. Trotzdem stelle ich diesen Bericht und einige Fotos ein, die ein paar Einblicke in die Welt des steilen Eises geben.

Das macht gar nichts. Schließlich ist der Ortler vom Gros der Forumsgipfel sichtbar und man blickt genau in diese Wand.

Ein Berg, der sich mit seiner Größe und Niveau schon deutlich vom zentralostalpinen Einheitsbrei abhebt, da auch der Normalweg in den letzten Jahren deutlich anspruchsvoller geworden ist. Als leicht kann man diesen nur noch bei wirklich guten Schneeverhältnissen bezeichnen.
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Offline bergamigo

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #5 am: 28. Sep 2011 - 19:52 Uhr »
Gratuliere! :bravo
Das Suldener Dreigestirn ist schon das imponierendste der gesamten Ostalpen, ich freu mich jedesmal wieder wenn ich es von "unseren" Gipfeln aus seh.
Nach dem Hintergrat von vor ewigen Zeiten und der Königspitze jetzt im April fehlt mir noch der mittlere, der Mont Zebru.....

Zum Forumsgebiet: ich denke gerade die vielschreibenden Mitglieder (kann ich mich nicht gerade rühmen) machen ein Forum aus und so ist es besonders interresant wie sich gerade die jungen entwickeln und über den Tellerrand rausschauen. :-L)
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Offline obadoba

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Re: Tourenbericht Ortler Nordwand
« Antwort #6 am: 29. Sep 2011 - 19:33 Uhr »
Ist zwar nicht von einem Forums-Mitglied, aber der Ortler-Nordwand-Bericht eines Bekannten passt hier gut dazu :-)

http://www.sektion-alpen.net/index.php/san/ortler-nordwand-die-laengste-praline-der-welt/
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