Bergsport und Corona?

Wie heisst diese Stelle?  (gelesen 867 mal)

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Offline bergfuehrer

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Antw: Wie heisst diese Stelle?
« Antwort #10 am: 24. Dez 2021 - 09:20 Uhr »
also: es war am 11. (elften) September 1896, nach meinem Kalender ein Freitag.
Wegen dem Wetter kannst du 
(a) für Tirol beim Wetterdienst in Wien nachfragen, der hilft tatsächlich; (heute Zamg Wetterkarte)
und (b) in der Zeitung im Archiv. Wenns deine Heimatzeitung nicht hat, es gibt noch 
(c) das Staatsarchiv für Bayern. (es gibt da Wetteraufzeichnungen von Zugspitz und Hoher Peissenberg)
und viertens (d) anno austria hilft auch weiter.
Du wirst Erstaunliches feststellen.

und zum Schluß noch eine  Weihnachtsgeschichte für 2021:
"Eine der schönsten  handelt von einem Bettler, der mit Gott gesprochen hat: Mit dem Paradies sei es vorbei. Das hatten wir schon befürchtet."
in memoriam Klaus Wagenbach, Italienische Weihnacht.

mfg
hermann
« Letzte Änderung: 26. Dez 2021 - 14:24 Uhr von bergfuehrer »
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Offline eganahl

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    • Bergtouren in den Allgäuer- Lechtaler- und Ammergauer-Alpen
Antw: Wie heisst diese Stelle?
« Antwort #11 am: 24. Dez 2021 - 14:56 Uhr »
Ich kann mir kaum vorstellen das in den frühen Jahren an einem kalten und regnerischen Tag jemand in die Berge aufgebrochen ist, und schon gar nicht zu einer solchen speziellen Tour, also sorry Leute , das glaube ich einfach nicht.
Irgendwie ist die Beschreibung schon sehr bedenklich, entweder das Datum stimmt nicht, die Wetterlage im Tannheimertal war nicht so wie es die Wiener- oder Innsbrucker Metereolügen beschreiben. Es gab schon sehr viele Besteigungen von hohen und schwierigen Bergen die sich im Nachhinein als nicht ganz korrekt darstellten. Die meisten Schreiberlinge schreiben ab  ;D :down:
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Offline bergfuehrer

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Antw: Wie heisst diese Stelle?
« Antwort #12 am: 25. Dez 2021 - 16:20 Uhr »
Das Christkindle  hats gebracht,
es kommt auch zu denen die nicht daran glauben !
Da lag einfach ein vollgeschriebenes Schulheft auf meinem Schreibtisch.

Emanuel Christa hat ein Schulheft voll geschrieben von den Eindrücken seiner abenteuerlichen Erstbegehung. Der Aufsatz hat 43 Seiten (ohne Seitenzählung).
Wegen dem starken Regen in der Nacht wollte Bachschmid und Christa am Morgen auf der Füssener Alpe umkehren, zurück zur Bahnstation. "Doch halt! sieh doch hat es nicht aufgehört zu gießen? " (Doch hängt  zwar bis zum Dach der Hütte herab das ganze Thal voll grauer Schwaden, die regenschwanger sich jeden Augenblick zu entladen drohen)",  aber mit einem Wolkenloch haben sie es trotz der Nässe versucht. "Die Gimpelspitze ist fast "frei"".
Dann auf Seite [36] im Manuskript heisst es in Zeile drei bis fünf:
"Das Wetter scheint sich zu verschlimmern,
 düster qualmen die Nebelmassen, und schon
 fängt es sachte an zu schneien".

Und unten noch die Seite eins: Eine Klettertour von E. Christa.
In der Einleitung geht es um einen Brief wo Bachschmid dem Christa mitteilt, dass er den Gimpel Westgrat im Abstieg gemacht hat. "Schändlich ! infam ! "  empört sich Christa.

und drittens:
Während die Bauern am Arlberg und im Lechtal in dem verregenten Sommer 1896 ihr Heu noch auf den Heinzen stehen haben und nicht im Stadel,  gehen die Kerle aus der Stadt, der Textil.Großhändler Bachschmid und der Pfarrersohn & Student Christa zum Klettern; zu dem so wichtigen Projekt: unglaublich.
Zeitungsnotiz: Vorarlberger Volksblatt 6. Okt. 1896, Seite 10.

und viertens:
Wer noch nicht genug hat am Zweifeln an den grossen Helden des Gebirges, nimmt ein Lesebuch zu Hand:
Mario Casella, 2018: Die Last der Schatten, aus dem AS Verlag, Zürich.
Da gehts um den schnellen Stangl, den Maestri vom Cerro Torre und um Doping, Erfolgszwang, Halluzinationen und noch mehr Halbwahrheiten. 

« Letzte Änderung: 26. Dez 2021 - 14:20 Uhr von bergfuehrer »
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Offline bergfuehrer

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Antw: Wie heisst diese Stelle?
« Antwort #13 am: 23. Jan 2022 - 22:23 Uhr »
Kulturrätsel Nur Mut Johann
Gimpel Westgrat, Narrativ 1.089 words, 23.jan 2022
Nachdem die Skeptiker zu der Frage regnerisches und kaltes Wettergeschehen vom 11. September 1896 nichts weiter beigetragen haben, fahre ich mit meiner Story weiter fort:

Die Erstbegeher vom Gimpel Westgrat waren Julius Bachschmid, ein “Textil-GroßKaufmann“ & Sohn des amtierenden Bürgermeisters mit Emanuel Christa, JuraStudent & Sohn des evangelischen Stadtpfarrers, beide aus Kaufbeuren. Es war am 11.September 1896, ein Tag mit kaltem, regnerischem Wetter. Auf halbem Weg zum Gipfel gab es dazu noch Schneeflocken.

Den abenteuerlichen ersten Abstieg über den Westgrat machten Julius Bachschmid und August Weixler, Brauereibesitzer aus Kempten, ein paar Wochen vorher. Der Abstieg wurde mit dreimaligem Abseilen gemacht. Am steilsten Gratvorsprung (heute: Nur Mut Johann)  hat Weixler den Bachschmid abgelassen. Dann saß Weixler rittlings am Grat, mit dem Gesicht zum Sättele, und hat eine 3 Zentimeter tiefe Kerbe in den Fels gemeisselt. Durch diese Kerbe lief das Seil, wie über eine Aufzugsrolle, an dem Bachschmid den Seilzweiten, den Weixler dann abgelassen hat, nachzulesen bei Weixler, ZDÖAV 1899:246.

Bei der Erstbegehung, der ersten Ersteigung von unten, hatte Christa einen Farbkübel und Pinsel dabei und hat mit roter Farbe an die Felsen hingepinselt: Nur Mut! Johann !  Das Original Zitat lautet: Geschwind jetzt Pinsel und Ölfarbe heraus und frisch drauf losgeschmiert! genau, wie wir’s gestern ausgemacht! Bald prangt auch in knallroten, fettglänzenden Lettern von der künstlerischen Hand meines Begleiters das klassische Wort: "Nur Mut! Johann!"
Gemeint damit war Hanns Wagner (1870-1941) Schullehrer und Vorsitzender vom Zweig Kaufbeuren der AlpenvereinsSektion Allgäu-Immenstadt. Hanns Wagner hat den Westgrat bei schönem Wetter von Kaufbeuren aus sehnsuchtsvoll im Auge. Zur Aussicht auf die Tannheimer Berge musste er aber erst auf die Stadtmauer steigen. Seine Sehnsucht hat sich leider nicht erfüllt. Möchten hätte er schon gerne wollen, aber dürfen, dürfen hat er sich nicht getraut. Etwa so, frei nach dem großen Münchner Komiker und kleinen Philosophen Karl Valentin, wird die Geschichte vom  Nur Mut ! Johann !  in Kaufbeuren erzählt.
Der Sohn von Hanns Wagner, der Emil Wagner (*1886-1968), war Jahrzehnte Vorsitzender der DAV Sektion Kaufbeuren, und ich habe von ihm ein paar von den alten, ersten Führerwerken aus seiner Sammlung geschenkt bekommen. Wagners waren eine typischer Kaufbeurer Kleinbürger Familie, mit einem Laden für Kurzwaren Am Salzmarkt 8. In dem Laden an der Ecke vom Salzmarkt zum Kirchplatz gab es Wolle, Stricknadeln, Bänder & Borten, Knöpfe (etwa in dieser Reihenfolge) und vor allem: viel Klatsch und Tratsch.
Und noch eine kleine Anmerkung zum Heimatcolorit: die Trudl, Tochter von Emil, hat jahrzehntelang den “Hennastall“ gepflegt, ein wöchentliches Treffen einer Handvoll lediger Frauen, wie etwa Traudl, der Sekretärin des Oberbürgermeisters und Maria, Schullehrerin und manchmal mit Josefine, die Schwester von Maria und noch die eine und andere Vertraute.
Soweit so gut: Emanuel Christa, der junge Student, hat ein ganzes Schulheft über sein Abenteuer am Westgrat vollgeschrieben. Das ist in Teilen mit meinem Essay schon in Einhundert Jahre Gimpel Westgrat in DAV Mitteilungen Sektion Kaufbeuren 1996 und bei der Sektion Immenstadt und in einer anderen Mitteilung, wie Sektion Kaufbeuren 1993, veröffentlicht. Das Schulheft mit der ganzen Erzählung hat Hermann Reisach ausgehoben, nach langer Recherche aus einem Keller einer Wohnung in München. Eine Emanuel Christa Biografie ist daraus entstanden, mit rund 60 Seiten und Dokumenten; die steht in der Alpenvereinsbibliothek auf der Praterinsel in München.
Die beiden Julius und Emanuel sind auf dem Westgrat mit Kletterschuhen geklettert, mit Filz- oder ManchonSohlen. Die schweren Bergschuhe mit Nägeln hatten sie auf der Judenscharte in den Rucksack gepackt Zwei Eispickel haben sie an der Hand mitgeführt, die brauchten sie dann später für den Abstieg über die Nordseite am Kleinen Gimpel. Die Judenscharte hieß damals Sättele. Ein Ausrufesatz dazu von Christa aus seinem Schulheft: “Ha ! wie klettert sich‘s leicht auf diesen weichen Sohlen. Wie ruhig und sachte turnen wir hinauf am jähen Gefels“. Außerdem hatten sie fünf Felshaken im Rucksack, geschmiedet von Weixler‘s Betriebsschlosser in Kempten.

Übrigens, die Geschichte von Nagelschuhen im Fels kann man getrost vergessen. Der Irländer und Sportsmann George Scriven (1856-1931) ist schon in den achtziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts mit Kletterschuhen auf “indiarubber-soled shoes“, also auf Gummisohlen in den Dolomiten geklettert, so in The Alpine Journal 1889; A.J.’14,300-301. Und in München waren Kletterschuhe ebenso zu haben. In den Alpenvereinsmitteilungen von 1896 inseriert etwa der Münchner Seilwarenfabrikant und Hoflieferant Friedr. Carl Pfaff  “beste Kletterschuhe mit Manillasohlen zu M. 4.50 [4 Mark 50 Pfennig] pro Paar“. Zum Preisvergleich: Eine Maß Bier vom Fass hat im Gasthof Zur Traube in Kaufbeuren 26 Pfennig gekostet.
Wie der Kletterschuh, so braucht auch der Felshaken in der Bauart wie er heute verwendet wird, eine genauere historische Betrachtung, die hier nicht weiter verfolgt wird. Jedenfalls habe ich einen solchen Felshaken im Lausbickl hinter der Tannheimer Hütte gefunden und herausgehämmert. Er hat “verdächtig eine Ähnlichkeit mit einem Lost Arrow aus der Hakenschmiede von Ivon Chouinard.
Zurück zu Bachschmid und Christa.
Julius Bachschmid, die Überfigur der Kaufbeurer Kletterszene seiner Tage starb “im besten Mannesalter mit 43 Jahren“ in einer Klinik im Schwarzwald an Herzversagen. Einen Grabstein für Bachschmid gibt es auf dem Kaufbeurer Friedhof. Zwei Reichsadler aus Stein stützen ihn. Am Familiengrab Christa fehlt dagegen die Grabplatte für Emanuel 1874-1948. Er starb nach einem Sturz vom Balkon im Altersheim Osterhofen, 67 jährig im Krankenhaus Fischbachau, Landkreis Miesbach. Ein Denkmal aus echtem Fels, der Christaturm im Wilden Kaiser erinnert an den vergessenen Kaufbeurer.
Und hier weitere biografische Notizen zu Emanuel Christa die nicht vergessen werden dürfen: Er konnte die Tannheimer Bergkette studieren wenn er mit der Eisenbahn von München nach Kaufbeuren fuhr, weg von seinem verhassten Jura.Studium. Christa hat ein zweieinhalb Meter breites Gebirgspanorama gezeichnet, das reicht vom Hörnle bei Kohlgrub bis zum Grünten im Allgäu, verlegt bei der P. Schön‘schen Buchhandlung in Kaufbeuren. Später hat Christa Geologie studiert und wurde außerordentlicher Professor für Mineralogie und Gesteinskunde in Erlangen. Sein Hauptwerk entstand nach zehnjähriger Arbeit in den Zillertaler Alpen; eine unübertroffene gesteinskundliche Karte 1:15.000 (fünfzehntausend) mit Erläuterungen.
Mit der übersichtlichen Gliederung und feinen Farbgebung kann auch ein Laie die Karte lesen. JbGeolReichsanst_81_0533-0635.pdf . Der Zweite Weltrieg hat Christa.s geologische Laufbahn beendet, die Studenten fehlten, sie waren im Krieg.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war Christa -NSDAP  und SA Mitglied-  als Sonderrichter in Nürnberg tätig. Er war ein schlimmer Nazi, so die Verwandtschaft.
Akten von NS-Angeklagten wurden nach ihrem Tod, wenn nicht ein Urteil vorlag, vernichtet, so ein einschlägiger Archivar.
Das beste Erinnerungs.Stück an die Helden vom Westgrat ist der Nur Mut ! Johann !, solange der Fels nicht runterfällt, wegen auftauendem Permafrost.
Und wen interessiert die Story? Noch mehr zum Narrativ, so sagt man heute, gibt’s von mir, hermann@reisach.com ,  Januar 2022
« Letzte Änderung: 25. Jan 2022 - 17:35 Uhr von bergfuehrer »
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Offline Lampi

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Antw: Wie heisst diese Stelle?
« Antwort #14 am: 24. Jan 2022 - 08:30 Uhr »
Ausgerechnet 11. September
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