Retiophyllia clathrata Emmrich 1853 (N72)  (gelesen 3925 mal)

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Offline Richard

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Retiophyllia clathrata Emmrich 1853 (N72)
« am: 24. Nov 2014 - 15:24 Uhr »
Das Rätsel 71 dürfte abgeschlossen sein. Das folgende Rätsel aus dem Bereich der Fossilienkunde:

Was sieht man hier bzw. worum handelt es sich?
Wie heißt das dargestellte Fossil?
Aus welcher erdgeschichtlichen Epoche stammt das Mineral/Fossil?
Aus welcher Schicht stammt es?
Ist das Fossil nahe oder entfernt der Schicht gefunden worden?

Bild 1 zeigt die Oberfläche des Fossils, Bild 2 Oberfläche und Schnitt.
« Letzte Änderung: 21. Jan 2015 - 13:18 Uhr von oliver »
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Offline kalle

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #1 am: 03. Dez 2014 - 09:17 Uhr »
Ich könnte mir vorstellen, dass dies einmal eine Koralle war...  ::)
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Offline Richard

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #2 am: 03. Dez 2014 - 13:59 Uhr »
Koralle ist richtig. Weißt du vielleicht auch welche?
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Offline kalle

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #3 am: 08. Dez 2014 - 17:21 Uhr »
Aus welcher erdgeschichtlichen Epoche stammt das Mineral/Fossil?

Auf Grund der erdgeschichtlichen Entwicklung des Außerferns und seiner nahen Umgebung würde ich auf das mittlere TRIAS tippen.

Welches Fossil hier genau dargestellt ist, da bin ich noch auf der Suche nach einer Antwort...
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Offline bergfuehrer

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #4 am: 08. Dez 2014 - 22:12 Uhr »
Erstens: es handelt sich um ein ehemals Riff-bildendes Lebewesen, heute Fossil.
Mangels Maßstab wissen wir nicht die Grösse.
Bei dem Foto NR-Bild 1 handelt es sich um braune, einzelne Röhrchen, abgeschnitten wie Baumstümpfe.

Im Ausserfern kommen zwei grosse Riffkomplexe in Frage:
A) Wettersteinkalk und B) Rhätkalk
A) Im Wettersteinkalk gibt es verschiedene Riffbildner, es sind allerdings  Kalkschwämme, keine Korallen, obwohl sie aussehen wie Korallen. Es sind die Fossilien und vor allem "hinter dem Riff" verbreitet.
Ernst Ott hat diese in seiner Dissertation von 1967 ausführlich behandelt. In der Dissertation gibt es ein Foto, Tafel 7, # 5, das ist nach meiner Ansicht voll identische mit dem braunen stehenden "Holzstämmchen" in der Ansicht im rechten Bildteil.  Das Holzstämmchen wäre dann ein bis zwei Zentimeter groß.
Hat einer im Forum ein Programm zu Identifikation von Gesichtern? Man könnte auch den Dr. Ott selber fragen. Der gesamte Titel der Diss ist: Segmentierte Kalkschwämme (Sphinctozoa) aus der alpinen Mitteltrias und ihre Bedeutung als Riffbildner im Wettersteinkalk.
 
Der Wettersteinkalk ist in der "Schicht" an der Zugspitze rund eineinhalb (1,5 km) Kilometer "dick", besser "mächtig". Der 7,5 km lange Heiterwandgrat  ist die Fortsetzung des Wettersteinkalks im Lechtal, bzw. AUSSERFERN.
Auch die Marmolada mit der großen Südwand (600m hoch und 5 km breit) ist aus Wettersteinkalk aufgebaut.
Die Wetterstein "Schicht"  gehört in die mittlere Trias. Was sind schon 220 Mio Jahre? 
 
B) Wenn es eine Koralle sein muss, ist es wohl die aus dem Oberätkalk (wie z.b.der Kletterfels an der Freisspitz Südwand) die Thecosmilia; was für ein schöner Name.
Ein Ast einer Thecosmilia hat etwa einen Durchmesser von einem Zentimeter, ist also bleistiftdick. 
Die "Schicht" an der Freispitz ist weniger als 100 m mächtig, eher nur 50 Meter, wenn überhaupt.
Der zapfenwolfi wollte einmal eine Tour nach der Thecosmilia taufen. Wo ist die?
Mit dem Oberrätkalk (205 Mio Jahre) endet die Triaszeit oben in der Zeitsäule. Jünger ist dann die Jurazeit , zb. Vilser Marmor.


Zweitens:
Im Nr-Bild 2 rechts sind eher Bruchstücke der ""Korallenäste"" herausgewittert.
In dem Steinsägeschnitt links sehen wir die Korallenäste schräg durchgeschnitten.
Meine Frage ist noch:
Wer liefert den Zement, hier im Schnitt in grau-blau? Es ist sicher nicht die Firma Schretter & Cie.
 
Drittens:
Und noch eine andere Frage an den Fragesteller, was willst du sagen mit:
""Ist das Fossil nahe oder entfernt der Schicht gefunden worden?""

Woher kann ich wissen, wie weit du dein Fundstück transportiert hast.
Ich nehme an es lag irgendwo im Kar oder am Fuß einer Felswand, oder in einer Ausstellung ?
Gesägt hast du wohl nicht an der Felswand, sondern in einer Werkstatt.
Wo gibts eine Werkstatt die Handstücke sägt?
 

Jedenfalls ein ganz interessantes Stück im alpic net,
mein Tip, A.
 

mfg
Hermann

 
« Letzte Änderung: 09. Dez 2014 - 14:03 Uhr von bergfuehrer »
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Offline Zirbelnuss

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #5 am: 09. Dez 2014 - 14:08 Uhr »
Zitat
mein Tip, A
unabhängig davon, ob 'A' richtig ist oder nicht:
guter Beitrag, Hermann  :)
Grüße, Jens
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Offline Richard

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #6 am: 09. Dez 2014 - 15:30 Uhr »
Lieber Hermann,

danke für deine ausführliche Abhandlung. Das Rätsel gewinnt deutlich an Schwung.

Möglichkeit A ist nicht richtig.

Möglichkeit B ist so gut wie richtig. Es ist eine Thecosmilia, sie wird aber heute mit Retiophyllia bezeichnet. Den Zeitraum mit ca. 205 Mio Jahren triffst du genau. Das Fossil entstammt somit dem Trias, mit Oberrhätkalk gebe ich mich noch nicht ganz zufrieden; dir als Fachmann dürfte es nicht schwer fallen, die genaue Bezeichnung der Schicht zu nennen. Dein Fundorttipp Freispitz trifft die tatsächliche Fundstelle auch ziemlich genau.

Du erkennst richtig, dass die Korallenäste herausgewittert sind. Das deutet darauf hin, dass der Fundort der Koralle nahe der Schicht liegt, aus der die Koralle stammt, und dass das Korallenstück nicht durch Transportvorgänge (Gletscher, Bäche, Flüsse) abgerundet wurde. Ein Bild der gleichen, aber stark rund geschliffenen Koralle, aus dem Wertachtal und vermutlich aus dem Würm- oder Riss-Schotter, füge ich an.

Ich bin sehr gespannt auf deine weiteren interessanten und abschließenden Ausführungen.
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Offline bergfuehrer

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #7 am: 09. Dez 2014 - 16:44 Uhr »
Naturrätsel 72, Richard

schön rund gerollt von der Wertach und zuvor gut transportiert vom Lechgletscher, und schön fotografiert, das Bild pb 240786;
Die KorallenÄste sind richtig gut durchgesägt auf Bild pb 240787.

In die Gegend gehen und an der Freispitz rumzuturnen  macht zur Zeit keinen Sinn und keinen Spass, leider; und
die entsprechende Literatur habe ich, auch schade, nicht zur Hand.
Retiophyllia  hat bestimmt mit "Rhät" zu tun, denke ich. 
Literatura:
 E. Roniewicz. 2011. Early Norian (Triassic) corals from the Northern Calcareous Alps, Austria, and the intra-Norian faunal turnover. Acta Palaeontologica Polonica 56(2):401-428.,

soviel fürs erste.

mfg
Hermann

zum zweiten, und jetzt wirds langsam absurd

index of scientific names

Retiophyllia ahraboutensis
Retiophyllia ahraboutensis Beauvais 1986
Retiophyllia alfurica
Retiophyllia beata
Retiophyllia beata Dronov, Gazdziki & Melnikova 1982
Retiophyllia buonamicii
Retiophyllia caespitosa
Retiophyllia clathrata
Retiophyllia clathrata (Emmrich 1853)
Retiophyllia Cuif 1966
Retiophyllia Cuif 1967
Retiophyllia cyathophylloides
Retiophyllia dawsoni
Retiophyllia defilippi
Retiophyllia defilippii
Retiophyllia delicatula
Retiophyllia dendriformis Caruthers & Stanley 2008
Retiophyllia eguchii
Retiophyllia fenestrata
Retiophyllia fenestrata var. multiseptata Vinassa de Regny, 1915
Retiophyllia frechi
Retiophyllia frechi Roniewicz 1989
Retiophyllia gephyrophora
Retiophyllia gephyrophora Roniewicz 1989
Retiophyllia gosaviensis
Retiophyllia gosaviensis Roniewicz 1989
Retiophyllia gracilis
Retiophyllia gracilis Roniewicz 1989
Retiophyllia granulata
Retiophyllia hailonggangensis
 
mfg
Hermann
« Letzte Änderung: 10. Dez 2014 - 07:06 Uhr von bergfuehrer »
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Offline Richard

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #8 am: 09. Dez 2014 - 18:49 Uhr »
Lieber Hermann,

ich verrate nun die komplette Lösung, da du schon sehr, sehr nahe dran bist und die Bezeichnung der Koralle in deiner Liste auftaucht. Übrigens, die Koralle kann und muss nicht aus dem Lechtal stammen; man findet sie auch im Bereich "Nördliche Tannheimer".

Es handelt sich um die Retiophyllia clathrata Emmerich, ca. 205 Mia Jahre alt, gefunden etwas unterhalb der Memminger Hütte und aus den dort vorhandenen Kössener Schichten (z.B. Oberlahmspitze), - Schichten, in denen du, auch bei deinen bekannt hohen Kletterkünsten, nicht unbedingt klettern würdest.
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Offline Bergfex33

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Re: Naturrätsel 72
« Antwort #9 am: 09. Dez 2014 - 21:34 Uhr »
Respekt, was Ihr beide, Richard und Hermann da über Fossilien und Steine wisst   :-L)
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