Erstbesteigung der östlichen Marienbergspitze von Südosten - Ampferer 1897  (gelesen 350 mal)

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Östliche Marienbergspitze
Erste Ersteigung von Südosten am 14. Oktober 1897
von Dr. Otto Ampferer

Es war im letzten Dunkel vor dem Morgen, als wir Oberstraß verließen und den Weg zum Marienbergjoch einschlugen. Noch lagen Berge und Täler als schwarze Säcke und Ballen verpackt in den Gewölben der Nacht, ein feiner Nebel ging feuchtatmend über die Fluren und mit ihm der Duft des Herbstes. Leise rauschten in den Schluchten die Wasser, als brächten sie von fernher Grüße der Gebirge. Die kühle Luft, von Winden durchschauert, wirkte wie eine Kältemischung; wir schritten schneller, um uns zu erwärmen. Nach zwei Stunden, längst war's schon froher Tag, erreichten wir die verlassenen Hütten der Marienbergalpe, wo wir vorerst rasteten und aus Stücken zurückgebliebenen Holzes ein behagliches Feuer entzündeten. Als aber die Sonne immer tiefer in den Jochgrund drang und schon bald selbst dessen Schwelle betreten wollte, löschten wir das Feuer aus, füllten am Brunnen unsere Flaschen und suchten durch die Latschen die nächsten freien Gassen, um zu den Schutthalden am Fuße des Grünsteins hinaufzusteigen.

Endlich kamen wir in den Bereich der Sonne. Ein Knäuel funkelnder Regenbogen tauchte hinter dem Höllkopf herauf; dann mußten wir die Augen schließen, zu grell, zu gewaltsam brach ihr ungeheures Leuchten herfür. Die Schneeplätze zwischen den dunkelgrünen Latschen hatten kristallene Krusten und darauf lag Grübchen an Grübchen, in denen das Morgenlicht ganz närrisch auf und ab hüpfte, sich von einem zum anderen schwang, funkelte, schimmerte, in allen Farben zersprang und kein Ende fand des tollen Spiels. Die Latschen spreizten ihre dunklen, glänzenden grünen Nadelfinger vergnüglich in die Wärme, da und dort schüttete ein Ast seinen Schnee vom Nacken. Und das tiefe, innige Himmelblau! Mit jedem Hauche meinte ich, es schlüge mit wehenden Fahnen noch tiefer, noch dunkler in die hohen Scharten. Der Wind zog jauchzend über die sonnigen Felsen, mir war's, als spürt' ich all die namenlosen Quellen der Freude froh und schaurig durch die Seele rieseln, als hört' ich die Feen rufen: "Kommt herauf, ihr jungen Gesellen, heut sind wir euch hold!"

Wir standen also am Fuße der Schutthalden, welche von den Marienbergspitzen und dem Grünstein gegen die Hänge der Marienbergalpe hinunterströmten. Über diese, längst aperen Streifen und festgefrorenen Stellen suchten wir uns einen Weg zu den Felsen selbst. Wir waren von der Alpe an ziemlich gerade gegen den Ausgang jener Rinne angestiegen, die von dem breiten Grateinbruche zwischen Grünstein und Östlicher Marienbergspitze, von den Östlichen Marienbergscharte, mehrmals zum Kamin verengt, herunterzieht. Die ganze Westflanke dieser Rinne, die Felsabstürze der Marienbergspitzen, war größtenteils schneefrei, die Grünsteinflanke lag in Schatten und Schnee.

Wir hatten nun über den einzuschlagenden Weg zweierlei Ansichten. Wilhelm wollte rechts von der Rinne auf der schattigen Seite empordringen, nicht aus Vorliebe für Kälte und pulverigen Schnee, sondern weil schon während des bisherigen Aufstieges öfter Steine durch die Rinne heruntergepoltert waren, die höchstwahrscheinlich der auftauende Schnee losgelöst hatte. Gustav maß dem keine Bedeutung zu und sprach für die Begehung der allerdings verlockend sonnigen Rinne. Mit dem Hinweis, daß ja auch unser Weg ganz günstig sei, bewogen wir ihn, anfangs mit uns zu gehen. Als wir aber vor den weiterleitenden Schneestreifen ein paar Felsabsätze aufsteigen sahen und auch bald in ernstlichem Kampfe mit ihnen lagen, da wandte er sich von uns ab seinem Wege zu, auf dem er auch ganz erstaunliche Fortschritte machte, während wir zähneklappernd an einer vollkommen verschneiten, eisigen, etwa drei Meter hohen Wand herumkletterten. Ich war schon halb oben, aber es schien nicht möglich, weiterzukommen. Ich hatte mit der linken Hand aus dem Schnee einen kleinen Griff herausgewühlt, vergebens aber suchte ich mit dem Pickel höher oben nach weiteren Halten und hatte nur den Erfolg, mir ganze Garben von Schnee auf Kopf und Hals zu laden. Zudem wurde vom langen Herumtasten mein einziger Griff unter der Handwärme mehr und mehr eisig; ich mußte mich zurücksinken lassen, um die Finger im Munde wieder biegsam zu machen. Hierauf unternahm ich noch einen Versuch, einen sehr heftigen, und griff dabei mit dem rechten Arm der Länge nach in den Schnee. Dies gab Halt, und ich zog mich vollends hinauf. Wilhelm folgte rasch mit Hilfe des von mir entgegengereichten Pickels.

Hastig stiegen wir nun über Schneestreifen der Scharte zu, die eiskalten, schmerzenden Hände in den warmen Hosentaschen. Die Zuversichtlichkeit auf das Gelingen der Grünsteinersteigung über die Westwand, die wir eigentlich für heute geplant hatten, war jetzt sehr gesunken und jeder der eisig herabstoßenden Winde, jeder Blick auf die glatten, mit Schnee und Eis bedeckten Platten machte den Plan sichtbarlich zusammenknicken. Gerade unter der Scharte trafen wir wieder mit Gustav zusammen.

Die tiefste Einschartung liegt ganz am Pfeiler der Östlichen Marienbergspitze und ist so schmal, daß gerade ein Mensch darin stehen kann. Kopfüber stürzen davon die Felsen nach Norden hinunter. Dann folgt ein kleiner Grathöcker und darauf die breite, sanft gegen die Grünsteinwand angelehnte Einsenkung, von der wie Riesendachziegel Knollenplatten des Muschelkalkes nach Südwesten abfallen.
Herrliche Nordschau bietet der Grat, von dem wir entzückt über die Tiefen hinausstarrten. Aber der Wind fraß uns beinahe weg, so daß wir bald wenige Meter tiefer in eine niedrige, längliche Felshöhlung hineinkrochen und noch zu weiterem Schutz aus Steinen eine Windmauer errichteten. Hier wurde es allgemach unter dem Zuspruche der Sonnenstrahlen ganz behaglich, wir genossen gemeinsam die eßbaren Schätze unserer Rucksäcke und freuten uns der schönen, eigenartigen Aussicht und der erhabenen Einsamkeit des Hochgebirges.

Die Ausführung unserer Pläne konnte leider in dem warmen Winkel nicht besorgt werden, darum erhoben wir uns nach langer Rast. Gustav stieg zur Grünsteinwand hinauf, Wilhelm faßte den heroischen Enschluß, auf dem Grate zu zeichnen, ich wollte den Absturz der Östlichen Marienbergspitze auf die Möglichkeit einer Erkletterung hin untersuchen. Zu dem Ende stieg ich unter die tiefste Scharte hinein, fand dort völlige Windstille und sah, daß ein Aufklettern gerade von der tiefsten Scharte weg Erfolg haben konnte und sich auch derzeit auf diesen zwar nassen, aber sonnigen Felsen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten finden dürften. Darum rief ich die Freunde herbei. Wilhelm war, nachdem er gezeichnet hatte, bis ihm die kalten Finger den Dienst versagten, ebenfalls zur Grünsteinwand hinaufgestiegen, hielt aber gleich Gustav die von mir vorgeschlagene Ersteigung wegen des Schnees jetzt für sehr ungünstig. Als wir alle unter der Scharte vereinigt waren, zog ich unverweilt die Kletterschuhe an und sprach in beredtester Weise für meinen Plan, von hier die Östliche Marienbergspitze zu erklimmen. Die Felsen sahen aber auch wirklich zu verlockend aus. Hie und da erschaute man einen winzigen Vorsprung an dem glatten Wandsockel, dann zog ein Kamin in die Höhe, weiter oben liefen ab und zu kleine Bänder am Gemäuer hin und her. Von den Schneerestchen sickerte traulich Schmelzwasser herunter, die Sonne legte freundliche Helle auf die Zinnen, von deren Schultern das Himmelsblau so aufmunternd herabgrüßte. Im Nu war über alle diese Anhalte in Gedanken ein kecker Pfad geschlungen; es war reizvoll, ihn in Wirklichkeit zu versuchen.

Zunächst band ich mir das Seil um und klomm in die schneeige, schmale Scharte empor. Kaum tauchte ich darin auf, so traf mich ein Windstoß, daß der Rock sperrangelweit aufflog und ich mich halten mußte, um nicht wieder hinuntergeworfen zu werden. Ungehalten über den schnöden Empfang, kehrte ich dem Winde einfach den Rücken und begann mich an zierlichen, fast zu winzigen Rauhigkeiten an der Felswand gegen Süden auf eine Nische hinauszuranken. Der Wind zerrte unverschämt an mir, zugleich wußte ich der Glätte der Felsen wegen nicht, wo hintreten, wo mich halten. Es ging aber doch dank des festen Gesteins, und ich stand bald am Fuße des weiterleitenden Kamins. Hier war der Wind wie weggewunschen, deutlich aber hörte ich sein Toben in der Scharte. Voll Freude kletterte ich an dem warmen Fels in die Höhe, bis das Seil ausgelaufen war.

Wilhelm folgte nach, während Gustav, dem an der Scharte die Lust zum Mittun vergangen war, sich ein warmes Eckchen suchte, von wo er uns zuschaute. Durch den Kamin ging's rasch und sicher hinauf; ein unheimlich Stück Arbeit war das Begehen der nächsten Gratschulter, deren steile Abstürze mit halbgeschmolzenem Schnee überzogen waren, den jeder Tritt zu einer kleinen, tückischen Rutschbahn zerquetschte, wobei natürlich die Kletterschuhe auch nicht trocken blieben. An der Südseite erstiegen wir den höchsten Gipfel. Eine scharfe Schneekante saß auf der ohnehin brettschmalen Schneide und der Steinmann hatte auch schon für den Winter eine glänzende Schneehaube aufgesetzt. Der Wind zog hier zu unserer Verwunderung und Freude gar nicht übermäßig; oder hatten wir uns am Ende schon an ihn gewöhnt? Platz zum Sitzen war kein rechter zu finden, deshalb lehnten wir uns an die oberste Schneemauer, an die schimmernde Brüstung des Winters, und sahen hinaus auf das herrliche Gewoge von Bergen und Tälern. Für die Wucht, die Großartigkeit des Eindruckes sorgen hier die Berge und Tiefen der nächsten Umgebung, für die Schönheit der wunderbare Verband von Tal und Bergland in der Ferne.

Der Grünstein ist von hier ein ganz gewaltiger Berg, wie er sich im Süden mächtig erhebt, um nach Norden tiefer hinabstürzen zu können in lotrechten, dunklen Mauern, oben in den Gipfelscharten leuchtenden Schnee. Er ist gleichsam das Sinnbild der späten Jahreszeit: im Süden freudige Herbstespracht, früher, harter Winter im Norden. Wie eine frische geschürfte Silberader erglänzt der Inn in den tiefen Tälern, die sich Ordnern gleich in das Gedränge der Berge schieben, da eine Gruppe hervorheben, dort eine Kette zurückweisen. Matt blaugrau sinken die Talhänge zusammen, hinter jeder Biegung aber liegt der Duft feiner und zarter, wie vielmals durchs Sieb geworfen. Im Westen gegen die Schweizer Berge wird er so dünn und licht, daß er mit den Firnen zu verschwimmen vermag.

Aller Augen aber hängen an der Eiswelt, denn sie ist die funkelnde Krönung der Alpenschöpfung, ein leicht gebogener, diamantener Streifen. Der Glanz und Reichtum des weiten Himmels ist dorthin zusammengerafft zu märchenhafter Pracht, zu entzücktem Leuchten; aus Schimmer geformte Gipfel thronen darüber. Das findet keine Steigerung mehr, schier erbleicht der Himmel über dem Werk.

Aber hinter uns, gerade nordwärts von dir, blick' hinab in die lechzende Tiefe! Da liegen die Schatten zuhauf von düsteren Felsen im Grabe gehalten. Zu einer ungeheuren Mauer erheben sich die breiten Berge der Miemingerkette, die dunklen Wände mit dem Schnee darin wie die Reste einer gesprengten Festung. Da unten liegt der Norden verschanzt. In den Karen hat der Winter seine Zelte aufgeschlagen, an den Wänden sitzt er, von allen Scharten späht er lauernd nach Süden, ob's bald Zeit werde, hinunterzusteigen ins breite, sonnendurchflutete Inntal mit Schneewirbeln, wallenden Nebeln und ganzen Meuten wilder Winde. Die Querkämme scheinen sich förmlich nach der Sonne hin auszustrecken, die im Geistal herrscht und die Sonnenspitze als lichten Wehrstein vor die Schatten stellt.

Fahlhell ist's im Wettersteingebirge, auf der Zugspitze erblitzen die Fenster des Gipfelhauses, um das gar emsig winzige schwarze Punkte krabbeln. Jöcher und Lichtströme zerteilen die Lechtaler Alpen, blauer Schein verklärt die Berge und Zacken des Allgäus, die letzten Zinnen liegen, ich möchte sagen wie Alpenstrandgut, im Blau.

An einzelnen Stellen sieht man Ebene und Himmel zusammentrüben. Über dem rachgrauen Land liegt dann der Absatz des geklärten Alpenhimmels zu dichten, matten Farbbändern verwoben, die den ganzen Tag sich nicht verziehen.

Ungeduldige Rufe Gustavs mahnen zum Aufbruch. Der Abstieg war des Schnees wegen in den nassen Kletterschuhen nicht ungefährlich. Ich ging als letzter und hatte genug zu tun, um für Versicherung gegen das leichte Ausgleiten zu sorgen. Sehr heikel gestaltete sich die Überkletterung der letzten Querstelle an der Wand gegen die Scharte; ich hatte aufwärts diese Stelle viel leichter gefunden. In der Scharte empfing uns wieder der heftige Wind, dem wir aber rasch auf die Südseite entrannen. Wir hielten noch eine kleine Rast, fingen mit dem Becher Schmelzwasser auf, um unseren Durst zu löschen, dann rüsteten wir uns zum Abstiege. Diesmal stiegen wir alle einträchtig in der von der Scharte hinabziehenden Rinne abwärts, die größtenteils in die Zertrümmerungszone einer mächtigen Verwerfungskluft eingegraben ist. Steinfall war jetzt keiner mehr zu befürchten. Unangenehm gestaltete sich der Abstieg über die Trümmerhalden zum Marienbergjoch. Diese waren nämlich mit weichem Schnee bedeckt, den man fast bei jedem Schritt ganz durchbrach, so daß man darunter oft mit den Füßen in Steinlöchern hängenblieb oder unvermutet an harte Blöcke stieß. Wir waren froh, als wir endlich die bewachsenen Hänge betreten konnten, von denen wir nicht gerade dankbar die eben geschaffene Linie von Stapfen und Fehltritten noch einmal musterten. Wilhelm wollte noch am Joche zeichnen, weil sich die Sonne so schön über den Berg neigte, er muß aber schwer den rechten Platz gefunden haben, da wir mit großem Gelächter bemerkten, wie er lange Zeit in einem dichten Latschenhange schwimmartige Bewegungen ausführte, bevor er durchdrang.

Die Winde halfen der sinkenden Sonne zum Abend rüsten, indem sie unbarmherzig die schmeichelnde Wärme von den Hängen und aus den Latschen trieben. Vögel flatterten, Nester suchend, um uns herum. Langsam, einer ungeheuren Flut vergleichbar, stiegen die Schatten, violette, blaue, schwarze und in allen Farben dazwischen. Die Lichter aber retteten sich wie die Menschen bei der Sündflut auf die hohen Felsburgen. Da drängten sie sich zusammen, ihr Glanz ward heller, strahlender. Unaufhaltsam wächst die Flut, da wird der Schein ganz rötlich, wie flehend, verzweifelnd wirft er sich endlich an den Himmel. Wir hatten dem Gange des Abends gelauscht, jetzt schwangen wir noch zum Abschied die Hüte übers Joch und steckten grüne Zweige auf. Dann ging's abwärts, langsam, mit geschulterten Pickeln, vorerst nur bis zur Quelle, wo wir mit Freund Wilhelm zusammentrafen. Eine kleine Rast mußten wir schon dem Zeichner zu Ehren halten, außerdem benützten wir die Gelegenheit, den von Penck gefundenen Gletscherschliff aufzusuchen. Und nun zogen wir talwärts, nicht eilig, wie solche, die ihre Bergtat im Notizbuche tragen mit allem, was darum und daran ist, für die Auf- und Abstieg nur ein leidiger Zeitverlust ist; nein, wir stiegen hinunter, zögernd, Stück um Stück, an jeder Ecke wurde Halt gemacht und zurückgeschaut. Ungern wie ein teures Gut, so langsam als möglich gaben wir die kostbare Höhe heraus. Leider wurde es bald Nacht. Wir mußten anfangen, auf den Weg achtzugeben, da wir im dunklen Walde seiner nicht entbehren mochten. Aus den Wipfeln, aus den Gründen kam das friedliche Dunkel, stumm schritten wir hin, der weiche Boden verschlang die Tritte, selten stand ein Sternlein über dem Walde. Spät erreichten wir Oberstraß.
« Letzte Änderung: 16. Mär 2017 - 00:15 Uhr von kalle »

 





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