Unterwegs in den Thannheimer Bergen  (gelesen 343 mal)

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Unterwegs in den Thannheimer Bergen
« am: 15. Mär 2017 - 02:50 Uhr »
Ein Tourenbericht aus dem Jahr 1881 - verfasst von Dr. Rudolf Sendtner

I. Die Gernspitze

Für die Gernspitze bieten sich zwei Möglichkeiten, zum Gipfel zu gelangen, je nachdem wir den östlichen oder westlichen Grat in's Auge fassen. Ersterer zieht sich vom Gipfel in mäßiger Neigung, doch stellenweise mit scharfer Kante, ostwärts herab, und dichtbewaldete, breite Absenker bilden seine Fortsetzung gegen das Lechthal. Wer den Besuch nur dieses einen Gipfels im Thannheimer Gebirge vorhat, thut am besten, von Reutte aus über Wengle dem zu den Gernalpen am Südabhang der Gernspitzen führenden Alpenpfad zu folgen und von diesen Alpen an in nördlicher Richtung den östlichen Grat zu gewinnen, auf welchem längs der Nord-Seite hin der Gipfel ohne besondere Schwierigkeiten erreicht wird. Auch von der Sulzthalalpe, oder vom Hohlakopf aus (auch "auf der Hohla" genannt, der Hohlskopf der Sp.-K.) wird der östliche Grat an der Nord-Seite herauf zu erreichen sein. Der vom Gipfel nach Westen sich hinziehende Grat fällt nach Norden in unnahbaren Wänden ab, nach Süden sendet er zerklüftete Felsmauern in die Tiefe, die in einzelnen Rippen ausmünden, und gegen Westen endet er an einer mächtigen, zerrissenen Steilwand, welche gegen das Plateau der Sabacher Galtalpe abfällt. Wenn auch ein Aufstieg zu diesem Grat nicht so leicht auszufinden ist wie zum östlichen, und dieser selbst auch nicht so gefahrlos zu begehen ist wie jener, so ist der Anstieg von diesem aus doch für jeden, der vom Reinthal heraufkommt, als der unbedingt kürzeste auch der natürlichste.

Barth empfiehlt Nesselwängle im Thannheimer Thal 1134 m Sp.-K. als Ausgangspunkt für den Besuch des Gebirges. Dem von Sonthofen nach Reutte wandernden Touristen mag das empfehlenswert sein. Wer aber dem Lauf des Lech folgt, dem bietet das bei der Gemeinde Musau sich öffnende Reinthal mit seinen Sennhütten willkommene Unterkunft. Ich möchte auch den Besuch dieses großartigen Hochthales an sich schon empfehlen. (Von breitem Saumpfad in 3/4 Stunde zur Musauer Sennhütte; 3/4 Stunde weiter hinauf gegen Westen, nahe dem Ende des Reinthales liegt die Füssener oder Reinthaler Sennhütte. In beiden Hütten Alpenkost; in der letzteren auch zwei Betten. Von der Füssener Sennhütte wird der Gipfel der Schlicke, 2055 m, in einer Stunde erreicht. Auffallender Weise begegnen wir dieser in der ganzen Umgebung gebräuchlichen Benennung für die höchste Spitze der Vilser Berge auf keiner Karte, dagegen an ihrer Stelle dem Kareschrofen (gespr. Karegschröf), welche Bezeichnung indess auf eine nur untergeordnete Erhebung zwischen der Schlicke und dem Hundsarsch anzuwenden ist.) Bei Besteigung der Gernspitze dürfte am vorteilhaftesten die Musauer Sennhütte 1286 m Sp.-K. als Ausgangspunkt dienen.

Der Sabach wird ein wenig unterhalb der Sennhütte überschritten und gerade südlich gegen die Gernspitze und Köllespitze verbindende Kammhöhe angestiegen. Ein Steig führt in dichter Waldung hinan; zur Rechten rieselt von dem schroffen östlichen Ausläufer der Köllespitze, dem Sabachgrat, ein Bach herab, und diesem entlang wird in einer halben Stunde die grüne Hochmulde der Sabachalpe (Galtalpe) 1689 m Sp.-K. erreicht. Barth traf hier 1869 noch mehrere Hütten an, welche er als Kelleralpen anführt, und von diesen aus war er mit seinem Führer an der gewaltig abstürzenden Westwand der Gernspitze zum Grat aufgeklettert - wer die schwierige Anstiegslinie wählt, kann seinem Weg, jedoch kaum ohne Führer, folgen. Bequemer steigt man von der Galtalpe, das Massiv der Gernspitze stets hart zur Linken lassend, in SO-Richtung über steinige Wiesenhänge empor zum Joch, an welchem der Seitenkamm des Gebirges mit der "Schneid" ansetzt. Auf der Höhe angelangt öffnet sich der Ausblich in eine weite, gegen SO geöffnete Thalmulde, in welcher die Gernalpen liegen. Da die südlich abfallenden Felsrippen der Gernspitze ziemlich tief in's Gehänge herabgreifen, sieht man sich, um sie zu umgehen, genöthigt, eine kurze Strecke abwärts zu steigen. Nach etwa halbstündiger Wanderung an den Südabfällen geht es über Geröll wiederum aufwärts, und hat man sich bisher möglichst hoch gehalten, so bietet sich durch einen steilen, aber gut gangbaren Kamin auch die Möglichkeit, in kurzem den östlichen Grat schon in beträchtlicher Höhe zu gewinnen. Spärlich begrastes Terrain bedeckt hier den Boden; von diesem ziehen steile Abstürze hinab gegen das Reinthal. Ein schroffer Fels schiebt sich noch vor den Gipfel. Auf schmalen Stufen, angesichts der in ihrer ganzen Mächtigkeit fast senkrecht abfallenden Nordwände ist derselbe an seiner N-Seite zu umgehen, erst etwas abwärts, dann über besser gangbaren Boden wieder hinauf, abermals zum Grat. Auf diesem gelangt man dann mit weniger Mühe zu dem etwas nach Süden vorstehenden Gipfel. Der Anstieg währt von der Musauer Sennhütte aus etwa zweieinhalb Stunden.

Die Fernsicht gegen Westen ist durch die überragende Köllespitze etwas beschränkt. Besonders schön breitet sich aber zu unseren Füßen das liebliche Thal von Reutte aus, und dem Lauf des Lechs aufwärts folgend reicht der Blick weit hinein ins Lechthal.

Gerade gegen Süden zieht der Seitenkamm unseres Gebirges hin, seine prächtigen Weidegründe mit den Gern-, Höfer- und Gundenalpen, den Wengler, Aschauer und Höfer Höfen vor uns entfaltend. Im Norden über bewaldeten Höhen blinken die Burgen Hohenschwangau's; tief unten ruht im Waldesdunkel der kleine Frauensee. Wer nun nach Reutte hinab will, wird den bequemeren Abstieg am östlichen Grat einschlagen. Anfangs bietet die Gratschneide noch gut gangbares Terrain, bald aber sieht man sich genöthigt, auf den Grasbändern an deren Nord-Seite hinab einem scharfen Zacken auszuweichen. Man könnte von hier aus vielleicht an der Nordflanke des östlichen Grats, auf steil geneigten Lahnen abwärts steigen und über Fels den Boden der Thalmulde zwischen der Gernspitze und dem Hohlakopf erreichen, von wo aus dann Steige hinab, an der Sulzthalalpe vorüber, nach Oberlötze oder auch in das Reinthal führen. Um aber die Gernalpen am Südabhang der Gernspitze zu erreichen, empfiehlt es sich, nach Umgehung des scharfen Zackens wieder die Gratschneide zu gewinnen und nach Süden abzusteigen.

Man hat sich jedoch damit nicht zu beeilen; erst einige hundert Schritt vor den schon dichter bewaldeten Absenkern, so ziemlich gerade ober den Gernalpen, kann man sich ohne besonderes Hindernis durch eine Einsenkung hinablassen. Bald betritt man Weideboden, der zu den Alpen hinabgleitet. Über grasbewachsene Plätze und durch Krummholz hin werden diese selbst in etwa eineinhalb Stunden vom Gipfel erreicht. Diese Abstiegslinie dient zumeist auch als Anstieg von Reutte herauf, wie oben schon erwähnt wurde. Von den Gernalpen erreicht man in weiteren eineinhalb Stunden Reutte.

II. Die Köllenspitze und der Gimpel

Beim Eintritt ins Reinthal von der Achsel her bietet sich die Köllespitze in ihrer ganzen wilden Erhabenheit, und je weiter wir in dieses Thal eindringen, umso mächtiger entfaltet sich ihr massiger Unterbau, welcher gegen die Musauer Sennhütte am Sabach in senkrechten Wänden abfällt, von nur spärlichen Streifen durchzogen, an welchen vielleicht für einen waghalsigen Kletterer ein Anstieg zum Gipfel möglich wäre.

Wandern wir noch eine kurze Strecke weiter hinauf ins Reinthal gegen die Füssener Alpe, um die gegen Norden bis fast zur Sohle des Sabachs vorspringenden, nadelstarrenden Abfälle der Köllespitze zu umgehen und die Linie unseres Anstieges besser übersehen zu können, so blicken wir zunächst in eine gerade zur Scharte hinaufweisende, breite Mulde ("in der Wanne"), welche im Osten durch die jäh abfallende Westwand unseres Gipfels, gegen Westen aber durch mehrere Felsabsätze, welche zur Kammhöhe hinaufziehen, eingeengt ist. Sie biete den natürlichen Anstieg zur Übergangsscharte aus dem Reinthal nach Nesselwängle, und von ersterem ausgehend hat man sie auch zur Benützung für die Besteigung der Köllespitze wie des Gimpel. Einzig an der dieser Mulde zugekehrten Seite wird der Gipfel der ersteren, der hier bereits hinter einer zur Scharte herabziehenden Zackenreihe verschwunden ist, vom Reinthal aus erklommen, mag man nun an der Westwand selbst den Anstieg beginnen, oder, wie Barth gethan, ganz zur Scharte hinaufsteigen und von da an der NW-Seite in östlicher Richtung vordringen. Letzteren Weg hat der von Nesselwängle kommende Steiger einzuhalten, d. h. er muß von Süden her die Scharte erst gewonnen haben, um dann Barth's sehr zutreffender Beschreibung seines Anstiegs folgen zu können, wenn er nicht die nach Left's Mittheilung nur schwierig zu erkletternde Süd-Seite, die "Kölleseite" selbst angreifen will. Jedem, der das Thannheimer Gebirge von Süden her zu besuchen gedenkt, rathe ich, sich erst die erwähnte Skizze, welche sich ausführlich über die ganze Gebirgsgruppe verbreitet, anzusehen. Sie findet sich in Barth's Werkchen "Wegweiser in den Voralpen, zwischen Bregenzer-Ache und Lech", welches in einem autobiographierten, leider schwer lesbaren Bande an mehreren Stationen des Algäus, so in Immenstadt, Sonthofen und Hindelang aufliegt. Er wird es dann auch nicht unterlassen, sich nach einem tüchtigen Führer auf die Köllespitze umzusehen. Bei meiner Besteigung des Gipfels im Jahre 1879 hatte mich der in Füssens Umgebung bekannte Führer Carl Left begleitet, während die Gernspitze und der Gimpel ohne Führer erstiegen wurden.

Wer dagegen vom Reinthal heraufkommt, hat keineswegs, wie Barth mit seinem Führer gethan, die Scharte selbst zu betreten. Auf kürzerem Weg wird er zum Ziel gelangen, wenn er dem von uns eingehaltenen Anstieg folgt.

Über die Erreichung der Mulde nach Überschreitung des Sabachs im Reinthal kann nach der bereits beschriebenen Lage derselben kaum ein Zweifel aufkommen. Durch hohes Gesträuch hindurch wird bald ein weitausgedehntes Geröllfeld, die unterste Ausbreitung der Mulde, betreten. Längs der spärlichen Quelle, welche in der Sohle der Mulde herabrieselt, hat man sich nun auf steil geneigtem Terrain über mehrere Absätze hinaufzuarbeiten. Ein colossaler viereckiger Felsblock auf einer kleinen Terrasse, mitten im Geröll, bietet einen willkommenen Anhaltspunkt. Von hier an nämlich theilen sich die Wege zur Köllespitze und zum Gimpel. Gilt der Besuch ersterer, so hat man noch eine kurze Strecke geradeaus zu steigen; gilt er letzterem, so müßte man sich von hier nach rechts hinauf abwenden, in keinem Fall aber wird die Scharte berührt.

Verfolgen wir vorerst unseren Anstieg zur Köllenspitze. Von dem erwähnten Felsblock führte unser Weg noch etwa eine halbe Stunde über Geröll dichter am Westabhang unseres Gipfels hinan, dessen tiefster Einschnitt zu unserer linken das Massiv förmlich zu zerspalten scheint, bis an den Fuß einer  gegen die Sohle der Mulde stärker vorspringenden Mauerstufe. Bereits war mehr als die Hälfte der Mulde ihrer Länge nach gewonnen, und nun wandten wir uns links zum unmittelbaren Anstieg am Gemäuer. Schon die bisherige Wanderung an dem Massiv unseres Berges entlang, in der sogenannten Wanne, läßt den Steiger dessen ganz besondere Eigentümlichkeit, eine bis ins kleinste Detail gehende Zerklüftung, ahnen. Noch boten stellenweise sichere Grasschöpfe guten Halt bis zu einem vorspringenden, berasten Plätzchen. Von da an begann aber nach etwa anderthalbstündigem Anstieg vom Sabach herauf die eigentliche Kletterei am buchstäblich kahlen Felsen, stets an den Westabstürzen in SO-Richtung hinan. Eine genaue Bezeichnung des Wegs ist hier unmöglich; ich möchte nur einschärfen, im allgemeinen gegen die von der Füssener Alpe aus sichtbaren Zackenreihe, welche sich vom scheinbaren Gipfel - dieser selbst wird ja von dort aus nicht gesehen - zur Scharte herabzieht, unverrückt anzusteigen. Das Massiv öffnet hiebei ein wahres Labyrinth von grotesk geformten Zacken, und ohne genaue Kenntnis des Gebirges wird man sich hier nur mit tüchtigem Führer zurechtfinden können. Am Rand jener Zackenreihe angelangt, öffnet sich der Einblick in die von Barth beschriebene Schlucht, welche er von der Scharte her überqueren mußte, um hier mit unserer Anstiegslinie zusammenzutreffen. Die Scharte selbst, welche hier einige Rasenflächen bietet, liegt schon merklich tiefer. Bisher waren wir gerade in SO-Richtung angestiegen, nun aber kehrten wir uns entschieden links um; es gilt nämlich hier durch einen Kamin den Aufgang zu dem vom Gipfel, der noch immer unsichtbar bleibt, nach Norden herabziehenden, kurzen Grat auszufinden. Barth benützte seiner hier besonders zutreffenden Beschreibung nach dieselben beiden Kamine beim Auf- und Abstieg wie wir - nur wir in umgekehrter Ordnung. Die Richtung des Kamins, welchen wir beim Anstieg erkletterten, weist mehr gegen Norden, die des äußerst steilen, welchen wir beim Abstieg benützten, unmittelbar zum Gipfel, mehr gegen Osten hin. Ein ziemlich breiter, bewachsener Grat ward nun erreicht, welcher von NW gegen SO ohne jede Mühe rasch zu dem mit einer Signalstange gekrönten Gipfel geleitet. Vom letzten berasten Plätzchen an hatten wir eineinviertel Stunden gebraucht.

Südwärts fällt das breite Gipfelhaupt in wild zerrissenen Wänden ab, während gegen Norden der oben angeführte Grat sich kurz vorzieht, gegen die Gernspitze hinüber senkt sich der sehr schmale Ostgrat allmählich, um bald in scharfer Schneid gegen den östlichen, niederen Kegel der Köllespitze abzubrechen, daher ein Herüberkommen von demselben zur Unmöglichkeit gehört. Nach Westen hin schließt eine stark geneigte und zerklüftete Kante den Verbindungsgrat zum Gimpel hinüber an.

Beim Abstieg folgten wir nur eine kurze Strecke dem nach Norden streichenden Grat, um alsbald durch den steileren Kamin uns hinabzulassen. Vom Ende desselben traten wir auf senkrecht abfallende Wände aus. Die sehr starke Neigung wird beim Abstieg erst so recht klar, indess dauert diese Strecke nicht eben lange, und über spärlich beraste Stufen wird bald wieder das Terrain der Schuttfelder erreicht.

Steigen wir, um dem Gimpel noch einen Besuch abzustatten, nicht ganz bis zur Terrasse mit dem colossalen Felsblock ab, sondern überqueren sofort beim Auftreten auf den Schutt die Mulde und steigen wieder in SW-Richtung gegen die Kammhöhe an. In etwa etwa dreiviertel Stunden ist diese erreicht; weicher Wiesengrund bedeckt ihren Boden, gegen Süden stürzt derselbe jedoch in lothrechten, kahlen Wänden ab.

Auf dem so jäh aufragenden Zahn zu unserer linken, "beim Schäfer" genannt, war Barth bei seinem Versuch, ohne Führer von Süden über die Scharte her auf den Gipfel zu gelangen, gestanden; von da aus zog er unverrichteter Dinge wieder ab, indem er zu bemerken glaubte, daß die Nordflanke der zu seinem Ziel hinziehenden Kammschneide der Verfolgung eines Weges nicht weniger als günstig sei. Daß die Südflanke absolut ungangbar, mußte er sofort erkannt haben, da sie nur eine schroffe Felsmauer darstellt, deren Schneide eine fortgesetzte Reihe scharfer Zacken aufweist. Wäre aber Barth nur von der Scharte aus nach dem Reinthal zu eine Strecke weit herabgestiegen, so hätte er den gegen Westen so unnahbar abfallenden Felszahn umgehen und alsbald die ziemlich breite Kammhöhe wieder gewinnen können, auf welcher er sicher und rasch zu seinem Ziel gekommen wäre. Statt dessen wählte Barth, als er, von der Besteigung der Gernspitze zurückkommend, die Südflanke des ganzen Hauptkammes überquerte, den Anstieg aus dem mächtigen Kar, welches zwischen Schafschrofen und Gimpel gegen die Gimpel-Alpen herabzieht. Jeder von der Südseite kommende Steiger wird auch am besten thun, sich an Barth's genaue Angaben hierüber zu halten, und er wird am kürzesten auf diesem Weg zum Ziel gelangen, indem er, der lothrechten Mauer entlang im Kar wandernd, nach einer ersteigbaren, von links nach rechts ziehenden Rinne zu spähen hat; er wird dieselbe kaum verfehlen können, da sie sich gerade zwischen der letzten höheren Erhebung der Kammschneide und dem Gipfelkegel selbst befindet. So wird von Süden aus die Kammhöhe unmittelbar am östlichen Fuß des letzteren erreicht, und alle Scharten und Zacken der Gratverbindung zur Köllespitze hat man bereits im Rücken.

Setzen wir nun unsere unterbrochene Wanderung auf der vom Reinthal aus erklommenen Kammschneide, dem "Gimpelgrätle" fort. Gewaltig thront im Westen als mächtige Ecksäule derselben unser Gipfel, aber noch trennen uns mehrere nicht unbedeutende Erhebungen von ihm. Eine Zeit lang geht es auf Rasenpolstern bequem dem Grat entlang, hinauf, hinab, ein scharfkantiges Gipfelchen wird nach Süden umgangen, dann tritt man wieder über sichere Grasschöpfe auf einen höheren Buckel; von da aus wird aber das Weiterkommen auf der Kammschneide durch einen senkrechten Spalt quer durch den Grat, mit einem nadelscharfen Spitzchen in seinem Grunde, unterbrochen - glücklicherweise ist dieses Hindernis auf unserem Wege auch das einzige. Ich umging dasselbe, indem ich gegen das Reinthal hinabstieg, und zwar noch tiefer, als das Ende des Spaltes reicht; da fand sich dann die Spur eines Gemsensteigs, welcher die von dem Einriss weiter hinabziehende Mulde überquert. Der letzte und höchste Vorhöcker ist nun auch bald erklommen, und wir treffen mit der aus dem südlichen Kar heraufziehenden Anstiegslinie zusammen. Nach einer kurzen ebenen Strecke steigt man zum letztenmal auf gut gangbaren Felsstufen und Rasenpolstern an und betritt nach etwa eineinhalb Stunden von der Mulde der Köllenspitze, der sogenannten Wanne, an das Haupt des Gimpel.

Zu unseren Füßen blicken wir in den tiefgrünen Spiegel des Haldensee's, und weit geöffnet liegt das mattenreiche Thal von Thannheim vor uns, keine höhere Erhebung hemmt mehr den Ausblick nach Westen. Gegen Süden unmittelbar unter uns, ragt der Schafschrofen mit einigen berasten Flächen, auf denen er wohl zu ersteigen wäre, herauf, drüben im Osten starrt die Köllespitze entgegen und hart an ihre linke Schulter gelehnt lugt noch der Gipfel der Gernspitze hervor. Unser Gipfel selbst gleicht einem abgestumpften Kegel, von welchem nach allen Seiten, die erstiegene ausgenommen, gewaltige Steilwände gegen öde Kare abstürzen. Bei solchem Charakter wird man sich wohl beim Abstieg nach den beschriebenen Anstiegslinien zu halten haben.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß die Entfaltung der Gebirgsansicht von den drei Gipfeln aus eine großartige ist, daß aber auch keine bedeutende Veränderung in derselben sich auf dem einen oder anderen vollzieht. Am umfassendsten gestaltet sie sich natürlich von der Köllespitze.

Im NO und Osten schweift der Blick über das Trauchgebirge, die Planseer Berge, die Karwendel-Gruppe, den Wettersteinstock und die Mieminger Gruppe hin. Im Vordergrund südöstlich ragt der Thaneller herauf, weiter zurück die Heiterwand, im fernen Gesichtskreis Spitzen aus dem Innthal; besonders fesseln den Blick aber die Oetzthaler mit der Wildspitze. Gegen Süden imponiert der Muttekopf, daran reihen sich die Gipfel des oberen Lechthals; im Hintergrund gerade südlich, erblicken wir eine Spitze der Ortler-Gruppe. Über den Zacken des nahen Leilach breitet sich prächtig die Horbacher Kette aus, davor erhebt sich die Pyramide des Hochvogel. Gegen SW finden wir die Mädelegabel, am Ende des Horizonts aber kühne Zacken aus dem Rhätikon, hervorragend die mächtige Scesaplana; gegen Westen, gerade vor uns die Vilsalper-Gruppe mit dem Gaishorn, weiter zurück den breiten Daumen; im Westen ganz ferne noch schneebedeckte Schweizer Berge mit dem Sentis als Schlußstein. Der Blick ins Flachland von der Köllespitze aus schweift ins Unendliche.

Ein rüstiger Bergsteiger kann, wenn er eine der höher gelegenen Alpen zum Nachtquartier gewählt, an einem Tage die drei Gipfel besuchen. So beispielsweise von der Füssener Alpe im Reinthal erst den Gimpel, dann die Köllenspitze; von der letzteren bliebe es dem Ermessen anheimgestellt, entweder direct von der Köllespitze oder zur Scharte und von da nach Süden abzusteigen, um über die südlichen Absenker der Köllespitze hin den Ablösungspunkt des Seitenkamms an der Gernspitze zu erreichen - oder sich wieder ganz zur Sohle des Reinthals hinabzulassen und von der Musauer Hütte an den beschriebenen Anstieg zur Gernspitze weiter zu verfolgen. Nach Besteigung der letzteren würde noch denselben Abend Reutte zu erreichen sein.
« Letzte Änderung: 15. Mär 2017 - 03:01 Uhr von kalle »

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