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Heute im Lechtal...  (gelesen 8605 mal)

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Offline Andi

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Heute im Lechtal...
« am: 21. Jan 2017 - 23:47 Uhr »
... bin ich an einigen Skitouren - Parkplätzen vorbeigekommen und konnte einige zweifelhafte Dinge beobachten. Zuerst einige Zitate aus dem aktuellen Lagebericht und vom LWD Tirol:
"Heimtückisches Altschneeproblem oberhalb etwa 1900m beachten! Besondere Vorsicht in Schattenhängen!"
"Am Wochenende raten wir zu Zurückhaltung insbesondere in Schattenhängen oberhalb etwa 1900m!"

Was beobachte ich im Lechtal? Sämtliche Schattenhänge mit mehr als kritischer Steilheit werden gut besucht. Einige Spuren im Thanellerkar (Altschnee seit mindestens November drin), einige Autos am Parkplatz zum Elmer Muttekopf, 40 + X Leute am Tschachaun (nordseitige Stelle mit 35° auf knapp 2100m, eingespurt im 3er Team ohne Abstände), Kelmer Kar (nordseitig, steil, auch der Skitourenführer Lechtal rät "nur bei sicheren Verhältnissen"), selbst der Egger Muttekopf (40° steil, schattseitig auf 2250 m) sei gegangen worden. Selber konnte ich auch beobachten, dass die nordseitige Schneedecke in besagtem Höhenbereich teilweise ungewöhnlich störanfällig ist. Hatte heute mehrere Wumm - Geräusche in nur maximal 20° steilem, homogenem Gelände. Altschnee, eingeschneiter Oberflächenreif - sämtliche Gemeinheiten konnte ich hautnah beobachten.
Übertreibt der Lagebericht? Oder sehe ich das zu eng? Hätte man die besagten Touren heute eigentlich nicht meiden MÜSSEN oder gäbe es da Ermessensspielraum oder habe ich das irgendwas nicht richtig verstanden und die anderen Skitourengeher können es einfach besser einschätzen als ich? Wie ist das?
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Offline Lampi

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #1 am: 22. Jan 2017 - 08:28 Uhr »
Hatte heute mehrere Wumm - Geräusche in nur maximal 20° steilem, homogenem Gelände.
Das Wumm ist von der Hangneigung weitestgehend unabhängig, das hängt eher mit (oft nur minimalen) Bodenunebenheiten zusammen. Von daher eine gute (und oft ungefährliche) Warnung, sich gar nicht erst in steiles Gelände zu begeben.

Ansonsten bleibt es jedem selbst überlassen zu seinem "sozialverträglichen Frühableben" in maximal effektiver Weise beizutragen.

Wer an "seinem Haushang" wohnt, hat i.d.R. einen höheren Ermessensspielraum. Die Tatsache, dass heute so einfach wie nie notfalls auch 300 km entfernter ein "Traum- Hang" für eine Tagesspritztour erreicht werden kann, trägt überhaupt erst zur Notwendigkeit detailierter Berichte bei. Wer hingegen jeden Tag aus dem Küchenfenster zusieht, wie "sein" Hang eingeweht, abgeblasen, abgetaut und eingeschneit wird, weiß es ohnehin besser.

Für mich aus dem bergfernen Stuttgart ist die ganze Tourenplanung ein Rechenexempel aus Warnstufe, Exposition, Seehöhe und evtl. noch vorherrschendes Gefahrenmuster. Ich bin im Schwarzwald geblieben und musste feststellen, dass die steilen Abbrüche, die laut Lawinenbericht für Jura und Ostschweiz brandgefährlich hätten sein sollen, ausgeblasen waren. Die einzige Gefahr wäre gewesen, sich dort langzumachen und in die freiliegenden Felsen zu rollen.
« Letzte Änderung: 22. Jan 2017 - 08:37 Uhr von Lampi »
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Offline bergler1962

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #2 am: 22. Jan 2017 - 21:17 Uhr »
Schwieriges Thema... ich wundere mich auch, denke hat mehr mit Glück als mit Wissen zu tun...
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Offline Schorsch_KFB

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #3 am: 22. Jan 2017 - 21:44 Uhr »
Das ist doch pures Glücksspiel, was da betrieben wird. Und hinter her wird damit auch noch angegeben: am 19. Jan. hat ein User auf Facebook Fotos vom Befahren der Ponten Nord-Rinne eingestellt. Da hats einen scharfen Dreier im Lagebericht gehabt. Welche Argumente sprechen für eine solche Abfahrt an einem solchen Tag mag ich nicht zu beurteilen. Vor Ort alles anders als beschrieben und evtl. - der Nutzer ist aus Wertach - kennt er den Hang sehr genau. Ich weiß es nicht. Ich für mich würde das nicht machen.

Die Nachricht, die damit nach außen transportiert wird, erreicht natürlich alle Touren-Interessierten. Und dann gilt es abwägen zwischen geiles Erlebnis, geile Angabe - mega mega mega!!! Oder halt zu hause bleiben und das Risiko nicht machen.

Für den Lawinenunfall an der Hammerspitze gilt das selbe, nur dass die in der Lotterie halt die Niete gezogen haben.
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Offline Andi

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #4 am: 22. Jan 2017 - 22:04 Uhr »
Danke für die Beiträge!
Ich habe von besagtem Post mit der Abfahrt am Ponten in Facebook auch gelesen und habe ich zuerst auch etwas gewundert. Die hohe Lawinenwarnstufe resultiert momentan hauptsächlich aus dem "heimtückischen" Altschneeproblem. Gut möglich, dass in diesem Fall die Nordseite des Ponten fortlaufend beobachtet wurde und die Abfahrt womöglich länger geplant und mit gutem lawinenkundlichen Wissen angegangen wurde - da würde ich den Kandidaten nicht unbedingt etwas unterstellen.
Aus persönlichen Gesprächen mit einigen Tourengehern, die an diesem Wochenende einen der besagten Hänge befahren haben, kann ich schlussfolgern, dass diese Kandidaten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht besonders kompetent in der Lawinenkunde waren. Man reist einige Hundert km an und schleicht in unglaublich langsamem Tempo den dreiviertelten Tag verbrauchend eine Lechtal - Modetour hinauf - womöglich bereits im Tourenprogramm Monate vorher fest für genau DIESEN Tag ausgemacht ohne Rücksicht auf die aktuellen Lawinenverhälnisse.
Auf der anderen Seite wiederum haben auch einheimische Bergführer fröhlich in Facebook gepostet, was sie für nordseitige, schattige Steilhänge oberhalb 1900 m begangen und befahren haben. Ein Klientel, welches es eigentlich besser wissen müsste und einen Lagebericht lesen können sollte. Oder wissen die es tatsächlich besser? Aber mehr als lokale Schneeprofile graben und auswerten können die ja auch nicht oder?
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Offline Andi

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #5 am: 22. Jan 2017 - 22:30 Uhr »
Glück oder Können?
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Offline Bergfex33

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #6 am: 22. Jan 2017 - 23:03 Uhr »
Also, ich kenn mich mit Lawinen so gut wie nicht aus. Kuck aber immer die Lawinenwarndienste an.
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.
@Andi
Woher beziehst Du denn Deine Informationen?
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Offline Schorsch_KFB

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #7 am: 23. Jan 2017 - 08:08 Uhr »
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.

Das stimmt, der sah gestern recht günstig aus und war es auch. Aber das Wichtige für die Tourenplanung steht dann im Info-Text und da existiert einfach immer noch eine Schwachschicht im Altschnee und Gefahren lauern vor allem im Nord-Bereich.

Eine Lawinengefahr kann man - auch für einen Südhang gestern - nie ausschließen. Deswegen gibts ja auch nicht die Stufe "keine Gefahr" sondern nur gering.

@ Andi: Welchen Hang zeigt denn das Foto? Und: das wird noch viel schlimmer (Vorausgesetzt, Skitouren boomt weiterhin) und ich denke, dass du mit deiner Vermutung richtig liegst, dass wenn eine Tour für einen Tag X geplant wird und die Sonne scheint, dann wird das auch durchgezogen.

Ich hab dieses Jahr noch keine Tour gemacht. Ich wart jetzt auf dem Februar - aktuell is mir viel kalt.
« Letzte Änderung: 23. Jan 2017 - 08:12 Uhr von Schorsch_KFB »
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Offline Die_Grenzgaenger

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #8 am: 23. Jan 2017 - 08:51 Uhr »
Hallo zusammen,

eine interessante Diskussion, welche Andi hier begonnen hat. Ich hatte in den letzten Tagen die gleichen Gedanken wie er. Da ich aktuell aus gesundheitlichen Gründen ausser Gefecht bin, kann ich zur Situation am Berg nichts sagen. Seit etwa 10 Jahren bin ich aktiver Skitourengänger, vor allem im Lechtal und hab schon mehrfach diese Situation erlebt: top Wetter, super Pulverschnee und die Massen drängen ins Gebirge, schalten ihr Hirn aus und es werden die Traumtouren begangen, welche schon lange in den Köpfen rumschwirren. Ein LLB mit Stufe 3 spielt hier keine Rolle mehr, weil alle schon so lange auf diesen Tag gewartet haben und wenn mal die Planung steht wird die Wunschtour durchgezogen. Der Mensch an sich fühlt sich immun gegen Verletzung und Tod, so lange bis er es am eigen Leib spüren muss. "Was soll mir schon passieren?" Für die Menge an Skitourengehern, welche jeden Winter in den Bergen unterwegs sind geschehen wirklich sehr wenig Lawinenunglücke. Aber es geht auch anders! Fast jeden Tourenwinter gibt es bei mir ein einschneidendes "Lawinen-Ereignis" das mir zeigt, wie mächtig die Natur ist. Ich bin hier ganz ehrlich. Wir lösen jährlich auf Skitour etwa eine Lawine aus, die bisher aber nie zur Verschüttung geführt hat, d.h. es wurde keiner mitgerissen oder teilverschüttet. Es waren immer kleine Ereignisse, die nie zum Tod führen hätten können. Die Planung findet immer nach bestem Gewissen, Erfahrung und Absprache der Gruppe statt. Manchmal wird auch umgedreht, egal ob schon eine Spur weiter führt. Und trotzdem kracht es immer wieder im kleinen Rahmen. Damit möchte ich verdeutlichen, wie schmal die Gratwanderung beim Tourengehen ist. Dass bisher nichts schlimmes passiert ist hat einerseits mit Glück zu tun, andererseits bin ich eher zurückhaltend bei der Tourenplanung. Da ich kaum noch Modetouren gehe, erhöht sich natürlich die Lawinengefahr und die Planung muss um so überlegter sein. Die Natur gibt doch ganz deutlich vor, welche Touren machbar sind! Bei der jetzigen Schneelage zum Beispiel hat so eine Wald- und Wiesenabfahrt in den Vilser Vorbergen auch ihren Reiz. Die großen Lechtaler Touren gehe ich nur im Spätwinter bei einem LLB von 1-2. Das Leben mit den Jahreszeiten haben aber die meisten bereits verlernt. Auch hier in der Freizeit wird großzügig "konsumiert" was das Herz begehrt. Manchmal mit tötlichem Ausgang. Ich lasse die Massen ziehen und ihre Modetouren machen. Was in deren Köpfen vor sich geht kann ich nicht nachvollziehen. Fakt ist: gemacht wird, was IN ist, egal welche Warnstufe vorherrscht. Und was IN ist, wird von der Freizeitindustrie mit Werbung vorgegeben, bzw. was mein Touren-Kollege macht muss ich auch tun, weil es bestimmt toll ist.

Gruss Josch

Offline Andi

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Re: Heute im Lechtal...
« Antwort #9 am: 23. Jan 2017 - 09:57 Uhr »
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.
@Andi
Woher beziehst Du denn Deine Informationen?

Ich beziehe meine Informationen vom Tiroler Lawinenwarndienst, der seit Tagen vor einem "heimtückischen Altschneeproblem in schattseitigen Hängen" mit unmissverständlichen Worten warnt. Auch heute herrscht immernoch Warnstufe 3 in den betreffenden Gefahrenzonen. Gleichzeitig ist es auch so, dass recht günstige Verhältnisse herrschen, wenn man die beschriebenen Gefahrenstellen berücksichtigt (was in den von mir angesprochenen Hängen aber wohl nicht getan wurde). Ich bin auch kein Freund von der Zahl im Lawinenlagebericht, weil man so das komplexe Thema "Lawinen" nicht auf so einfache Zahlen runterbrechen kann und finde es wichtiger den Text zu lesen, zu verstehen und die beschriebenen Gefahrenmuster ins Gelände zu übertragen.
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