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alpin => Skitouren => Thema gestartet von: Andi am 21. Jan 2017 - 23:47 Uhr

Titel: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 21. Jan 2017 - 23:47 Uhr
... bin ich an einigen Skitouren - Parkplätzen vorbeigekommen und konnte einige zweifelhafte Dinge beobachten. Zuerst einige Zitate aus dem aktuellen Lagebericht und vom LWD Tirol:
"Heimtückisches Altschneeproblem oberhalb etwa 1900m beachten! Besondere Vorsicht in Schattenhängen!"
"Am Wochenende raten wir zu Zurückhaltung insbesondere in Schattenhängen oberhalb etwa 1900m!"

Was beobachte ich im Lechtal? Sämtliche Schattenhänge mit mehr als kritischer Steilheit werden gut besucht. Einige Spuren im Thanellerkar (Altschnee seit mindestens November drin), einige Autos am Parkplatz zum Elmer Muttekopf, 40 + X Leute am Tschachaun (nordseitige Stelle mit 35° auf knapp 2100m, eingespurt im 3er Team ohne Abstände), Kelmer Kar (nordseitig, steil, auch der Skitourenführer Lechtal rät "nur bei sicheren Verhältnissen"), selbst der Egger Muttekopf (40° steil, schattseitig auf 2250 m) sei gegangen worden. Selber konnte ich auch beobachten, dass die nordseitige Schneedecke in besagtem Höhenbereich teilweise ungewöhnlich störanfällig ist. Hatte heute mehrere Wumm - Geräusche in nur maximal 20° steilem, homogenem Gelände. Altschnee, eingeschneiter Oberflächenreif - sämtliche Gemeinheiten konnte ich hautnah beobachten.
Übertreibt der Lagebericht? Oder sehe ich das zu eng? Hätte man die besagten Touren heute eigentlich nicht meiden MÜSSEN oder gäbe es da Ermessensspielraum oder habe ich das irgendwas nicht richtig verstanden und die anderen Skitourengeher können es einfach besser einschätzen als ich? Wie ist das?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 22. Jan 2017 - 08:28 Uhr
Hatte heute mehrere Wumm - Geräusche in nur maximal 20° steilem, homogenem Gelände.
Das Wumm ist von der Hangneigung weitestgehend unabhängig, das hängt eher mit (oft nur minimalen) Bodenunebenheiten zusammen. Von daher eine gute (und oft ungefährliche) Warnung, sich gar nicht erst in steiles Gelände zu begeben.

Ansonsten bleibt es jedem selbst überlassen zu seinem "sozialverträglichen Frühableben" in maximal effektiver Weise beizutragen.

Wer an "seinem Haushang" wohnt, hat i.d.R. einen höheren Ermessensspielraum. Die Tatsache, dass heute so einfach wie nie notfalls auch 300 km entfernter ein "Traum- Hang" für eine Tagesspritztour erreicht werden kann, trägt überhaupt erst zur Notwendigkeit detailierter Berichte bei. Wer hingegen jeden Tag aus dem Küchenfenster zusieht, wie "sein" Hang eingeweht, abgeblasen, abgetaut und eingeschneit wird, weiß es ohnehin besser.

Für mich aus dem bergfernen Stuttgart ist die ganze Tourenplanung ein Rechenexempel aus Warnstufe, Exposition, Seehöhe und evtl. noch vorherrschendes Gefahrenmuster. Ich bin im Schwarzwald geblieben und musste feststellen, dass die steilen Abbrüche, die laut Lawinenbericht für Jura und Ostschweiz brandgefährlich hätten sein sollen, ausgeblasen waren. Die einzige Gefahr wäre gewesen, sich dort langzumachen und in die freiliegenden Felsen zu rollen.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: bergler1962 am 22. Jan 2017 - 21:17 Uhr
Schwieriges Thema... ich wundere mich auch, denke hat mehr mit Glück als mit Wissen zu tun...
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 22. Jan 2017 - 21:44 Uhr
Das ist doch pures Glücksspiel, was da betrieben wird. Und hinter her wird damit auch noch angegeben: am 19. Jan. hat ein User auf Facebook Fotos vom Befahren der Ponten Nord-Rinne eingestellt. Da hats einen scharfen Dreier im Lagebericht gehabt. Welche Argumente sprechen für eine solche Abfahrt an einem solchen Tag mag ich nicht zu beurteilen. Vor Ort alles anders als beschrieben und evtl. - der Nutzer ist aus Wertach - kennt er den Hang sehr genau. Ich weiß es nicht. Ich für mich würde das nicht machen.

Die Nachricht, die damit nach außen transportiert wird, erreicht natürlich alle Touren-Interessierten. Und dann gilt es abwägen zwischen geiles Erlebnis, geile Angabe - mega mega mega!!! Oder halt zu hause bleiben und das Risiko nicht machen.

Für den Lawinenunfall an der Hammerspitze gilt das selbe, nur dass die in der Lotterie halt die Niete gezogen haben.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 22. Jan 2017 - 22:04 Uhr
Danke für die Beiträge!
Ich habe von besagtem Post mit der Abfahrt am Ponten in Facebook auch gelesen und habe ich zuerst auch etwas gewundert. Die hohe Lawinenwarnstufe resultiert momentan hauptsächlich aus dem "heimtückischen" Altschneeproblem. Gut möglich, dass in diesem Fall die Nordseite des Ponten fortlaufend beobachtet wurde und die Abfahrt womöglich länger geplant und mit gutem lawinenkundlichen Wissen angegangen wurde - da würde ich den Kandidaten nicht unbedingt etwas unterstellen.
Aus persönlichen Gesprächen mit einigen Tourengehern, die an diesem Wochenende einen der besagten Hänge befahren haben, kann ich schlussfolgern, dass diese Kandidaten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht besonders kompetent in der Lawinenkunde waren. Man reist einige Hundert km an und schleicht in unglaublich langsamem Tempo den dreiviertelten Tag verbrauchend eine Lechtal - Modetour hinauf - womöglich bereits im Tourenprogramm Monate vorher fest für genau DIESEN Tag ausgemacht ohne Rücksicht auf die aktuellen Lawinenverhälnisse.
Auf der anderen Seite wiederum haben auch einheimische Bergführer fröhlich in Facebook gepostet, was sie für nordseitige, schattige Steilhänge oberhalb 1900 m begangen und befahren haben. Ein Klientel, welches es eigentlich besser wissen müsste und einen Lagebericht lesen können sollte. Oder wissen die es tatsächlich besser? Aber mehr als lokale Schneeprofile graben und auswerten können die ja auch nicht oder?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 22. Jan 2017 - 22:30 Uhr
Glück oder Können?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Bergfex33 am 22. Jan 2017 - 23:03 Uhr
Also, ich kenn mich mit Lawinen so gut wie nicht aus. Kuck aber immer die Lawinenwarndienste an.
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.
@Andi
Woher beziehst Du denn Deine Informationen?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 23. Jan 2017 - 08:08 Uhr
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.

Das stimmt, der sah gestern recht günstig aus und war es auch. Aber das Wichtige für die Tourenplanung steht dann im Info-Text und da existiert einfach immer noch eine Schwachschicht im Altschnee und Gefahren lauern vor allem im Nord-Bereich.

Eine Lawinengefahr kann man - auch für einen Südhang gestern - nie ausschließen. Deswegen gibts ja auch nicht die Stufe "keine Gefahr" sondern nur gering.

@ Andi: Welchen Hang zeigt denn das Foto? Und: das wird noch viel schlimmer (Vorausgesetzt, Skitouren boomt weiterhin) und ich denke, dass du mit deiner Vermutung richtig liegst, dass wenn eine Tour für einen Tag X geplant wird und die Sonne scheint, dann wird das auch durchgezogen.

Ich hab dieses Jahr noch keine Tour gemacht. Ich wart jetzt auf dem Februar - aktuell is mir viel kalt.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Die_Grenzgaenger am 23. Jan 2017 - 08:51 Uhr
Hallo zusammen,

eine interessante Diskussion, welche Andi hier begonnen hat. Ich hatte in den letzten Tagen die gleichen Gedanken wie er. Da ich aktuell aus gesundheitlichen Gründen ausser Gefecht bin, kann ich zur Situation am Berg nichts sagen. Seit etwa 10 Jahren bin ich aktiver Skitourengänger, vor allem im Lechtal und hab schon mehrfach diese Situation erlebt: top Wetter, super Pulverschnee und die Massen drängen ins Gebirge, schalten ihr Hirn aus und es werden die Traumtouren begangen, welche schon lange in den Köpfen rumschwirren. Ein LLB mit Stufe 3 spielt hier keine Rolle mehr, weil alle schon so lange auf diesen Tag gewartet haben und wenn mal die Planung steht wird die Wunschtour durchgezogen. Der Mensch an sich fühlt sich immun gegen Verletzung und Tod, so lange bis er es am eigen Leib spüren muss. "Was soll mir schon passieren?" Für die Menge an Skitourengehern, welche jeden Winter in den Bergen unterwegs sind geschehen wirklich sehr wenig Lawinenunglücke. Aber es geht auch anders! Fast jeden Tourenwinter gibt es bei mir ein einschneidendes "Lawinen-Ereignis" das mir zeigt, wie mächtig die Natur ist. Ich bin hier ganz ehrlich. Wir lösen jährlich auf Skitour etwa eine Lawine aus, die bisher aber nie zur Verschüttung geführt hat, d.h. es wurde keiner mitgerissen oder teilverschüttet. Es waren immer kleine Ereignisse, die nie zum Tod führen hätten können. Die Planung findet immer nach bestem Gewissen, Erfahrung und Absprache der Gruppe statt. Manchmal wird auch umgedreht, egal ob schon eine Spur weiter führt. Und trotzdem kracht es immer wieder im kleinen Rahmen. Damit möchte ich verdeutlichen, wie schmal die Gratwanderung beim Tourengehen ist. Dass bisher nichts schlimmes passiert ist hat einerseits mit Glück zu tun, andererseits bin ich eher zurückhaltend bei der Tourenplanung. Da ich kaum noch Modetouren gehe, erhöht sich natürlich die Lawinengefahr und die Planung muss um so überlegter sein. Die Natur gibt doch ganz deutlich vor, welche Touren machbar sind! Bei der jetzigen Schneelage zum Beispiel hat so eine Wald- und Wiesenabfahrt in den Vilser Vorbergen auch ihren Reiz. Die großen Lechtaler Touren gehe ich nur im Spätwinter bei einem LLB von 1-2. Das Leben mit den Jahreszeiten haben aber die meisten bereits verlernt. Auch hier in der Freizeit wird großzügig "konsumiert" was das Herz begehrt. Manchmal mit tötlichem Ausgang. Ich lasse die Massen ziehen und ihre Modetouren machen. Was in deren Köpfen vor sich geht kann ich nicht nachvollziehen. Fakt ist: gemacht wird, was IN ist, egal welche Warnstufe vorherrscht. Und was IN ist, wird von der Freizeitindustrie mit Werbung vorgegeben, bzw. was mein Touren-Kollege macht muss ich auch tun, weil es bestimmt toll ist.

Gruss Josch
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 23. Jan 2017 - 09:57 Uhr
Aber es war doch heute nur von 1-2 gewarnt worden.
@Andi
Woher beziehst Du denn Deine Informationen?

Ich beziehe meine Informationen vom Tiroler Lawinenwarndienst, der seit Tagen vor einem "heimtückischen Altschneeproblem in schattseitigen Hängen" mit unmissverständlichen Worten warnt. Auch heute herrscht immernoch Warnstufe 3 in den betreffenden Gefahrenzonen. Gleichzeitig ist es auch so, dass recht günstige Verhältnisse herrschen, wenn man die beschriebenen Gefahrenstellen berücksichtigt (was in den von mir angesprochenen Hängen aber wohl nicht getan wurde). Ich bin auch kein Freund von der Zahl im Lawinenlagebericht, weil man so das komplexe Thema "Lawinen" nicht auf so einfache Zahlen runterbrechen kann und finde es wichtiger den Text zu lesen, zu verstehen und die beschriebenen Gefahrenmuster ins Gelände zu übertragen.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 23. Jan 2017 - 13:11 Uhr
Ich beziehe meine Informationen vom Tiroler Lawinenwarndienst, der seit Tagen vor einem "heimtückischen Altschneeproblem in schattseitigen Hängen" mit unmissverständlichen Worten warnt.
Da gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass am betreffenden Hang bereits eine einigermaßen flächendeckende Lawine abgegangen ist. Altschneeprobleme erledigen sich damit oftmals (meistens?).

Und: das wird noch viel schlimmer (Vorausgesetzt, Skitouren boomt weiterhin)
Dieser Aussage liegt ein stochastischer Fehler zu Grunde. Das andere Szenario ist auch denkbar:
Sicher ist: EINE Lawine kann nur EINMAL zuschlagen
These: Die so genannten Modetouren werden bereits so häufig begangen, dass jeder mögliche Unfall auch eintritt (außer, es sind Leute unterwegs, die es echt darauf absehen).
In diesem Fall wird eine Ausweitung der Tourengänger keine Erhöhung der Anzahl der Opfer bewirken.

Das wäre jetzt die extreme Gegenargumentation. Die Wahrheit wird irgendwo dazwischen liegen.

Es gibt noch einen weit hergeholten Vergleich
Die älteren Herrschaften erinnern sich sicher noch daran, dass beim Klettern "der Seilerste nicht fällt". Dynamische Seile und gute Sicherungsmittel haben dem Sturz beim Klettern den Schrecken genommen. Vorausgesetzt, die feinen Dinge werden auch genutzt und es wird nicht heldenhaft (oder des Kicks wegen) 20 Meter ungesichert ausgestiegen.
Wenn das Schitourengehen noch mehr boomt, werden vielleicht auch mal Mittel entwickelt, die eine Verschüttung mit hoher Wahrscheinlichkeit ungefährlich machen. Sehen wir mal, was unsere Kinder und Enkel so tun werden.

Es gibt auch einen noch weiter hergeholten, aufgrund der riesigen Grundgesamtheit allerdings unzweifelhaft signifikanten Ansatz: Je höher der Anteil an Radfahrern auf der Straße ist, um so unwahrscheinlicher ist es für den einzelnen Radfahrer, tödlich zu verunglücken. Ab einem bestimmten (allerdings sehr hohen) Anteil ist sogar die Gesamtzahl verunglückter Radfahrer rückläufig. Die Übertragbarkeit ist zweifellos fragwürdig.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Zwack am 23. Jan 2017 - 15:06 Uhr
"Da gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass am betreffenden Hang bereits eine einigermaßen flächendeckende Lawine abgegangen ist. Altschneeprobleme erledigen sich damit oftmals "

Darauf würd ich mcih aber überhaupt nicht verlassen!
Die Tatsache, daß eine Lawine schon abgegangen ist, bedeutet nicht zwangsläufig, daß der Hang entladen oder sicher ist.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 23. Jan 2017 - 17:22 Uhr
Das Leben mit den Jahreszeiten haben aber die meisten bereits verlernt. Auch hier in der Freizeit wird großzügig "konsumiert" was das Herz begehrt.

Da ist auch was Wahres dran: beim ersten Schnee im November springen alle, jetzt auch no. Wenns richtig gut wird ab Ende März geht fast keiner mehr - naja, au übertrieben, aber der große Hype ist eigentlich nicht zur Tourensaison.

Im Grunde passiert eh recht wenig, wenn man bedenkt, wieviele Menschen mittlerweile unterwegs sind.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: sven86 am 23. Jan 2017 - 18:47 Uhr
Da scheinen im Lechtal im Winter wohl vom Typ her andere Leute unterwegs zu sein als im Sommer?

Undenkbar wäre jedenfalls im Sommer eine Schlägerei, wie vor ein paar Jahren am Tauberspitz, darüber wer nun zuerst eine jungfräuliche, unverspurte Geröllrinne abfahren darf  ;)

(hier noch der Link zur Anekdote: http://tirol.orf.at/news/stories/2529969/ )
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 23. Jan 2017 - 21:15 Uhr
@ Andi: Welchen Hang zeigt denn das Foto?

Das ist die Tauberspitze. Der betreffende Hang liegt schattseitig oberhalb von 2000 m. Er ist über 35° seil und bekommt im Hochwinter keine Sonne ab. Hier ist mit einem Altschneeproblem zu rechnen. Außerdem liegt dort recht wenig Schnee, man kann erahnen, dass die Schneedecke dort recht inhomogen ist. Das bedeutet, dass der Skitourengänger mit hoher Wahrscheinlichkeit auch Übergangsbereiche von mehr zu wenig Schnee berührt - das sind die Bereiche, in denen Schneebretter besonders leicht durch geringe Zusatzbelastung ausgelöst werden können. Für den betreffenden Bereich galt und gilt an den betreffenden Tage die Lawinenwarnstufe 3. Wobei die Zahl hier auch wenig über die Störanfälligkeit aussagt - ein nötiges Kriterium für Warnstufe 4 wäre, dass die Lawinen auch große Ausmaße annehmen kann. Dafür liegt hier halt zu wenig Schnee. Die potenzielle Mächtigkeit der Lawine mindert aber das Unfallrisiko kaum. Daher spielt das im Text des Lageberichts beschriebene Gefahrenmuster die noch wichtigere Rolle als die Zahl im Lagebericht.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: obadoba am 24. Jan 2017 - 21:27 Uhr
Ich bin ein bisserl spät dran, aber ein wenig Senf hab ich auch noch.

... 40 + X Leute am Tschachaun (nordseitige Stelle mit 35° auf knapp 2100m ...

Grad bei den Mode-Touren wie beim Tschachaun kann man doch von einer Reduktion der Lawinengefahr nach Munter wegen 'viel befahren' ausgehen. Den hätte ich am Samstag durchaus auch in Betracht gezogen (wenn er nicht wegen des karawanen-artigen Aufstiegs aus der Auswahl gefallen wäre).
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 24. Jan 2017 - 21:29 Uhr
"Da gibt es natürlich noch die Möglichkeit, dass am betreffenden Hang bereits eine einigermaßen flächendeckende Lawine abgegangen ist. Altschneeprobleme erledigen sich damit oftmals "
Darauf würd ich mcih aber überhaupt nicht verlassen!
Die Tatsache, daß eine Lawine schon abgegangen ist, bedeutet nicht zwangsläufig, daß der Hang entladen oder sicher ist.
Verlassen kann man sich auf nichts und sicher ist auch nichts. Nur *unwahrscheinlicher*. Es könnten z.B.  noch weitere Unfallquellen vorhanden sein.

Für den betreffenden Bereich galt und gilt an den betreffenden Tage die Lawinenwarnstufe 3. Wobei die Zahl hier auch wenig über die Störanfälligkeit aussagt - ein nötiges Kriterium für Warnstufe 4 wäre, dass die Lawinen auch große Ausmaße annehmen kann. Dafür liegt hier halt zu wenig Schnee.
Was die Dicke nicht macht, kann durchaus die Fläche machen. Bei Altschneeproblemen kommt nicht selten der ganze Hang auf einmal runter. Daher auch das Attribut "Heimtückisch"
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 24. Jan 2017 - 21:43 Uhr
Grad bei den Mode-Touren wie beim Tschachaun kann man doch von einer Reduktion der Lawinengefahr nach Munter wegen 'viel befahren' ausgehen.

Ist es in diesem Fall nicht so, dass zuerst (Alt)schnee lag, auf dem keine Skitouren möglich waren und dann kam auf einmal eine einigermaßen große Menge Schnee? Und dann kamen auf einmal die Tourengeher, wahrscheinlich die ersten diesen Winter, weil vorher keine sinnvollen Touren dort möglich waren? Daher spielt das Kriterium 'viel befahren' hier absolut keine Rolle oder? Ich habe ja zugeschaut, wie sie auf völlig unberührtem Pulver (im Entenmarsch ohne Abstände) gespurt haben.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 25. Jan 2017 - 10:50 Uhr
Ist es in diesem Fall nicht so, dass zuerst (Alt)schnee lag, auf dem keine Skitouren möglich waren und dann kam auf einmal eine einigermaßen große Menge Schnee? Und dann kamen auf einmal die Tourengeher, wahrscheinlich die ersten diesen Winter, weil vorher keine sinnvollen Touren dort möglich waren? Daher spielt das Kriterium 'viel befahren' hier absolut keine Rolle oder? Ich habe ja zugeschaut, wie sie auf völlig unberührtem Pulver (im Entenmarsch ohne Abstände) gespurt haben.
In diesem Fall beißen die ERSTEN die Hunde (sonst sind es immer die letzten.)

Ansonsten herrscht jetzt schon weitestgehend Wanrstufe 2 und wir sollten die Diskussion etwas herunterfahren.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: jabal am 25. Jan 2017 - 17:46 Uhr
Da ich letzte Woche nur in den Ammergauern und nicht im Außerfern unterwegs war, habe ich direkt beim LWD über ihre Einschätzung der Lawinensituation im Außerfern nachgefragt. Die Antwort kam postwendend:

Lieber Rudi, lieber Patrick!

Angestoßen durch folgenden Forumsbeitrag
http://www.alpic.net/forum/skitouren/heute-im-lechtal-5731/
drängen sich mir ein paar Fragen zur Lawinensituation im Außerfern in der vergangen Woche und insbesondere am Wochenende 21./22.01.2017 auf.
Gleich vorab: Selbst war ich in der Woche zuvor nur einmal im Bereich Reutte, vor allem aber in den Ammergauern unterwegs, nordseitig unter 2000m und südseitig unter2200m, so dass ich keine Rückmeldungen zur Situation im Außerfern geben kann.
1. Die Situation im Randbereich der Alpen ist klimabedingt oft anders, aber natürlich nicht immer. Wie akut ist das Altschneeproblem im Außerfern im Vergleich zum Hauptkamm? Gefunden hab ich nur folgende Schneeprofile:
Hornbachjoch 22.01.17
https://lawis.at/profiles/snowprofile_5429.png?v=186.28205034134123
Kaisers Hahnleskopf 21.01.17!!!, eher arid und damit nicht übertragbar
https://lawis.at/profiles/snowprofile_5416.png?v=25.415277708014816
Nesselwängle Almboden 15.01.17, kantige Kristalle am Boden kaum mehr störbar
https://lawis.at/profiles/snowprofile_5257.png?v=809.352796009093
Wankspitze 12.01.17!
https://lawis.at/profiles/snowprofile_5204.png?v=340.36201878229895
Jöchelspitze 08.01.17!!!, dünne Schwimmschneeschicht auf Kruste am Boden
https://lawis.at/profiles/snowprofile_5142.png?v=629.4250617057395
Leider finden sich noch kaum Schneeprofile für den im Blog angesprochenen Tourenbereich Berwang –Namlos.
Spekulativ und nur am PC sitzend meine Einschätzung: kein flächendeckendes Altschneeproblem wie am Hauptkamm
2. Falls die Situation im Außerfern tatsächlich anders zu bewerten ist, besteht die Gefahr, dass Tourengeher, die vornehmlich hier unterwegs sind, den LWD systematisch unterschätzen und in einer anderen Region damit hereinfallen.
3. Schön, dass Ihr auf Eurer Seite https://lawine.tirol.gv.at/schnee-lawineninfo/schneeprofile/ die Schneeprofile zur Verfügung stellt. Für die schnellere Suche wäre eine weitere Schaltfläche für die Subregion hilfreich, wie Ihr das bereits bei den Messstationen macht.

Vielen Dank und herzliche Grüße aus dem Ostallgäu

Antwort:

Danke! Im Gegensatz zu letztem Jahr haben wir auch im Außerfern sowie den Nordalpen ein Altschneeproblem. Genügend Rückmeldungen von Lawinenabgängen nach den ersten Schneefällen ab 04.01. zeigten dies ebenso wie einige Schneeprofile...
Die Situation hat sich inzwischen defintiv gebessert. Einerseits hat sich die Eigenschaft des Brettes geändert (aufbauende Umwandlungsprozesse), andererseits hat sich auch die Konstellation der Schwachschichten gebessert (Krusten wurden zum Teil völlig aufgefressen; in Bodennähe findet man ein diffuses, zum Teil verkrustetes Schwimmschnee-Schmelzformen-kantige Kristallen-Gemisch, das nicht mehr so leicht auf Störung anspricht.)
Gute Schneeauflage vermindert natürlich auch die Störung möglicher Schwachschichten: Dennoch: Letztes Wochenende hätte ich mich Vieles noch nicht getraut...
Gestern waren wir u.a. auch deshalb auf der Wankspitze, wo wir schattseitig gegraben haben. Besserung wie oben beschrieben und auch im LLB seit Dienstag für eure Region so angepasst.

beste Grüße
Patrick Nairz
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 25. Jan 2017 - 20:13 Uhr
Besten Dank, endlich mal jemand, wo sich getraut hat, eine kompetente Person zu befragen  :-L) :-L) :-L)
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 29. Jan 2017 - 08:21 Uhr
Jetzt hat sich die Lage ja relativ entspannt. Wahrscheinlich werden bei dem Wetter tatsächlich auch alle Hänge befahren. Ich selber wäre wohl bei wirklich steilen Nordhängen noch skeptisch. Das Altschnee-Problem bleibt für mich ein dubioses.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Alpenspezi am 29. Jan 2017 - 16:33 Uhr
... Ich selber wäre wohl bei wirklich steilen Nordhängen noch skeptisch ...

Die Nordhänge sind derzeit meist stark abgeblasen. Hatten wir letztes Wochenende schon und gestern auch wieder.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: zapfenwolfi am 05. Feb 2017 - 18:37 Uhr
Hatte mich am besagten Samstag - nach erstem größeren Schneefall auf das hohle Altschneefundament - auch zurückgehalten und gewundert. Bei uns gab´s knapp über 2000m westseitig auch 3 markante Setzungsgeräusche, wir haben uns da aber schon an kleinräumiges und strukturiertes Gelände gehalten.

nach dem was alles am, Sa und So unfallfrei gemacht wurde, war es wohl mit der Auslösebereitschaft nicht ganz so dramatisch, zumindest Lechtal und Allgäu sind bezüglich Altschnee doch etwas anders als zentrales Tirol, wenn auch heuer nicht ganz ohne.

Ich bezweifle aber wie Andi, ob sich alle Leute, die da höhere schattseitige Lagen* angespurt haben, darüber so bewusst waren, vielleicht war es bei einigen nur Unbedarftheit?
Die zusätzliche Komponente, die daraus entsteht, ist die, dass der "gute Ausgang" einen ja da in der Entscheidung bestärkt, und das nächstes Mal genau so vorgegangen wird (ob es dann auch wieder eher gutmütig ist, ist halt aber gar nicht sicher).
* schattseitige Lagen sind bei der auslösenden Schönwetterlage vom Dezember ziemlich viele Exposition, wenn sich darüber nur ein größerer Berg aufbaut, der den Dezember - Schatten wirft.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 11. Feb 2017 - 22:45 Uhr
http://lawinenwarndienst.blogspot.de/2017/02/kurzanalyse-des-todlichen.html

So, die Buben hatten in der Lawinen-Lotterie leider Pech gehabt.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 11. Feb 2017 - 23:15 Uhr
http://lawinenwarndienst.blogspot.de/2017/02/kurzanalyse-des-todlichen.html

So, die Buben hatten in der Lawinen-Lotterie leider Pech gehabt.

Finde, dass das Wort "Lawinen-Lotterie" in diesem Fall unangebracht ist, da der Lawinenlagebericht an diesem Tag ganz explizit auf die Gefahr hingewiesen hat. Im Unfallbereich herrschte Warnstufe 3 und ein ausgeprägtes Altschneeproblem.

"Die  Lawinengefahr  in  den  Tiroler  Tourengebieten  ist  inzwischen  verbreitet  mäßig,  gebietsweise  aber  immer  noch erheblich. Das betrifft vor allem die inneralpinen Regionen sowie jene entlang des Alpenhauptkammes. Hier können Lawinen auf Grund  bodennaher  Schwachschichten  zum  Teil  immer  noch  durch  geringe  Zusatzbelastung  ausgelöst  werden. Rückmeldungen von  Selbstauslösungen  bestätigen  die  relativ  hohe  Störanfälligkeit  der  Schneedecke  in  diesen Gebieten. Gefahrenstellen liegen in steilen Hängen und Kammlagen oberhalb etwa 2400m, bevorzugt in den Hangrichtungen von Nordwest über  Nord  bis  Nordost.  Vorsichtig  zu  beurteilen  sind  auch  allgemein  die  Übergänge  von  viel  zu  wenig Schnee." (Auszug LLB vom 8.2.2017)
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 12. Feb 2017 - 23:02 Uhr
Finde, dass das Wort "Lawinen-Lotterie" in diesem Fall unangebracht ist, da der Lawinenlagebericht an diesem Tag ganz explizit auf die Gefahr hingewiesen hat. Im Unfallbereich herrschte Warnstufe 3 und ein ausgeprägtes Altschneeproblem.

Genau. Und da die Jungs dort wohl einen Lawinen-Airbag hatten und wahrscheinlich au entsprechend ihrer Vorhaben gerüstet waren, geh ich davon aus, dass sie auch den Bericht gelesen haben. Wenn man jetzt risikoscheu ist, dann ist ein solcher Hang an diesem Tag tabu - so würde ich den Bericht zumindest von meinem schönen Sessel hier daheim beurteilen, wenn ich da Hangsteilheit, Hang-Richtung und den Lawinen-Bericht vergleich. Oder aber, ich probiers einfach mal, ob der Hang hält auf gut Glück. Leider Pech gehabt. Aber ich bin mir sicher, dass an vielen anderen Orten genau diese Vorhaben funktioniert haben. Somit haben haben die im Lotto Pech gehabt.

Kannst meine Ansicht gern als zynisch ansehen. Leider ist das Thema zu traurig, da das Risikobewusstsein hier ein Menschenleben gekostet hat.  :'(
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: zapfenwolfi am 17. Feb 2017 - 16:29 Uhr
habe weiter vorn mal von mir gegeben:

nach dem was alles am, Sa und So unfallfrei gemacht wurde, war es wohl mit der Auslösebereitschaft nicht ganz so dramatisch, zumindest Lechtal und Allgäu sind bezüglich Altschnee doch etwas anders als zentrales Tirol, wenn auch heuer nicht ganz ohne.


Im Nachhinein doch partielle Fehleinschätzung - siehe Seebleskar vom 12.02:

http://lawinenwarndienst.blogspot.de/2017/02/details-zu-den-vergangenen.html (http://lawinenwarndienst.blogspot.de/2017/02/details-zu-den-vergangenen.html)

viele ähnliche Hänge in ähnlicher Höhenlage wurden in den Lechtalern - teils schon vor dem WE 11. 12.2 angespurt - einmal hat´s gekracht.

Wäre wirklich interessant, was den Unterschied zu den anderen Hängen ausgemacht hat.
Leicht andere Hangneigung oder Exposition halte ich eher für nicht so gravierend für das schlechte Fundament (das gab es wohl überall dort ähnlich, wenn auch mit Variationen durch Untergrund).
Eine Hypothese wäre:
Was ist vorher schon- beim einzigen echten Schneefall das Jahres - schon gegangen. 
Aus ein paar Berichten dazu habe ich mitbekommen, dass da öfter Anzeichen vorhanden waren, war auch selbst in so einem Gelände unterwegs mit Zeichen für vorhergehenden Abgang.
Die Anrisse selbst waren dort, wo ich es kenne, nicht mehr sehr auffällig, ziemlich gut eingeschneit.

Weitere Beobachtungen dazu wären interessant, wir wollen lernen.

 
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 17. Feb 2017 - 21:17 Uhr
Schätze, dass an dem Hang im Seebleskar einfach wieder mal viele ungünstige Faktoren zusammengekommen sind, die auch für den Experten niemals 100%ig messbar sind. Ich war Ende Dezember auf einigen Wandertouren im Lechtal und bin auf genau dieser Altschneedecke herumgelatscht, die es zu der Zeit oberhalb von ca. 1800 m west-, nord- und ostseitig gab. Die war kleinräumig sehr diffus: Mal ein prügelharter, glatter Deckel, der selbst in mäßiger Steilheit ohne Steigeisen kaum zu begehen war, dann gleich wieder Bruchharsch, teilweise auch einfach nur hohler Schwimmschnee - alles kleinräumig auf einem Haufen ohne leicht fassbare Ursache. Im Höhenbereich um 2300 m war der Schwimmschnee natürlich besonders nordseitig beeindruckend stark aufgebaut. Auch die Mächtigkeit der Schneedecke war kleinräumig recht unterschiedlich. Damit finden kleinräumig auch recht unterschiedlich ausgeprägte physikalische Prozesse in der Schneedecke statt: Dort eine Dampfsperre, ein paar Meter weiter wieder nicht, dort ein hoher Temperaturgradient in der Schneedecke und starke aufbauende Umwandlung und ein paar Meter weiter wieder weniger. Wenn's auf so ein Zeug draufschneit, dann kann keiner mehr eine verlässliche Auskunft geben - mal wirkt beim Stabilitätstest der Rutschblock stabil und ein paar Meter weiter bricht er...

Mit dem überall vorhandenen Schwimmschnee auf diese Höhenlage war das Potenzial für gefährliche Altschneelawinen gegeben. Bleibt nur die Frage, warum gerade dieser Hang gekommen ist und z.B. die Zwölferspitze in gleicher Exposition nicht. Ich schätze, der Nordhang an der Zwölferspitze hätte auch so abgehen können, der potenzielle Schneedeckenaufbau war wohl auch dort gegeben. Interessant, wenn man da ein Sprengladung reingeworfen hätte. Der Hang im Seebleskar hatte halt weitere ungünstige Faktoren, welche die Störanfälligkeit und die Anzahl der Triggerpunkte erhöht haben, u.a.: 1. Steiler (der Auslösebereich im Hang hatte so 38° - 40°, das ist die ungünstigste Steilheit überhaupt). 2. Man schaue sich den Auslösebereich und die Lawine genau an: Von unten gesehen links ist homogenes Geröll mit kleinen Steinen, im rechten Teil, wo die Lawine ausgelöst wurde, ist das Geröll großblockig, die Blöcke sind 1m hoch. Hier muss die Schneedecke stark inhomogen gewesen sein mit lauter kleinräumigen Übergängen von viel zu wenig Schnee. Also viel mehr potenzielle Triggerpunkte, die zu einer höheren Auslösewahrscheinlichkeit führen. Das hat man an der Zwölferspitze meines Wissens nach auch nicht so ausgeprägt. 3. Der Hang ist recht kammnah. Vom Auslösebereich bis zur Gratkante sind es schätzungsweise nur 30 - 40 m. Hier spielt der schwach verfrachtender Wind eine bedeutendere Rolle als in den angrenzenden Nordkaren, wo man oberhalb von Skigelände meist nochmal 100 oder 200 m Felswand findet. Auch kleinräumige windbedingte Wechselwirkungen der Schneeoberfläche sind dort stärker ausgeprägt als in windgeschützen Bereichen (vgl. Schneeprofil von weiter unten). Wie kam es zur Bildung der Regenkruste - unten aber nicht? Durch kaltes "Anblasen" der Schneeoberfläche?
Also lauter teilweise schwer zu begreifende Kleinigkeiten, die die potenzielle Auslösewahrscheinlichkeit erhöht haben dürften. Das heißt aber nicht, dass die Auslösewahrscheinlichkeit irgendwo anders in dem Gebiet in vergleichbaren Höhenbereichen 0 gewesen wären, sondern einfach nur um ein eher (von mir unbestimmbares) Stück kleiner.
Und noch ein Aspekt: In den südlichen Ötztaler Alpen wurden eine Menge Alschneelawinen beobachtet. Im Alpenrandbereich meines Wissens nach gar nicht und die Allgäuer und Ammergauer Lawinenwarndienste habe irgendwann auch Warnstufe 1 für den gleichen Höhenbereich rausgegeben. Die Lechtaler Alpen sind einfach ein Übergangsbereich zwischen Alpenrandklima und inneralpinem Klima. Entsprechend sind auch der Schneedeckenaufbau und die damit verbundenen Lawinenphänome einzuordnen.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 19. Feb 2017 - 22:29 Uhr
@ Andi: Ich zieh den Hut vor solch einem fundierten Lawinen-Wissen!  :-L) :bravo

Soweit bin ich bei weitem nicht und deswegen werde ich weiter anhand des LWB nach dem Ausschlussverfahren vorgehen.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Bergfex33 am 19. Feb 2017 - 23:17 Uhr
Ja, ich verbeuge mich auch.
Warum bist Du nicht in so einer Lawinenkomission?
Dein Wissen über Schnee und Schneedecken ist ja sensationell :bravo

Mit dir Touren gehen würde mein Adrenalin merklich senken ;)
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 20. Feb 2017 - 16:34 Uhr
Dein Wissen über Schnee und Schneedecken ist ja sensationell
Warum bist Du nicht in so einer Lawinenkomission?
Weil das Wissen über Schnee und Schneedecken allein nicht ausreicht. Um im "Zuständigkeitsbereich" einer Lawinenkomission alle (relevanten) Hänge beurteilen zu können, ist mehr oder weniger ständige Anwesenheit erforderlich, weil die gesamte Schnee- Historie aus eigener Anschauung bekannt sein muss.

Allen anderen bleibt nur zweierlei:
Ansonsten ist ein mit einem Sicherheitspuffer versehenes, zu einfaches Modell besser als ein exaktes, das man als Anwender nicht umfassend und auf Anhieb versteht.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 20. Feb 2017 - 21:56 Uhr
Sehe es auch so, dass es ein zentrales Element der Tourenplanung ist, den Lagebericht ins Gelände zu übertragen. Jedoch zeigt doch insbesondere die Lawine im Seebleskar klar die Grenzen des Lageberichts und insbesondere der Lawinenwarnstufen auf. Bei der diskutierten Lawinensituation in den schattseitigen, hochalpinen Karen mit diesem ominösen Altschneeproblem bleiben rückblickend auf die vergangenen Wochen folgende Fakten:

1. Es gab im Lechtal recht wenige Lawinenereignisse trotz zahlreichem Besuch der Gefahrenzone (laut LLB hochalpine, schattseitige Kare oberhalb von etwa 2200m). Die Anzahl der Gefahrenstellen und die Auslösewahrscheinlichkeit war also nicht besonders hoch.
2. Wenn es aber zu einer Auslösung kam, dann ist mit einer recht großräumigen Bruchfortpflanzung zu rechnen. Das Schadenspotenzial dieser Altschneelawinen ist eher hoch.
3. Die Auslösepunkte sind sehr schwer erkennbar und die Gefahrenzone ist recht großräumig.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es mir fast unmöglich, bis unsinnig, das mit einer angemessenen Lawinenwarnstufe zu klassifizieren. Die Auslösewahrscheinlichkeit allein spricht für eine niedrige Warnstufe (maximal 2). Sollte es aber krachen, dann muss man davon ausgehen, dass es gewaltig kracht - das spricht für eine hohe Warnstufe (3 oder 4). Zusätzlich noch der heimtückische Charakter der Situation. Da passt doch keine Lawinenstufe mehr !?

Letztlich bleibt nur jedem persönlich überlassen, ob man dieses unkalkulierbare Risiko eingehen möchte. Mit einer vernünftigen Tourenplanung konnte man aber auch unweit von den diskutieren Risikobereichen eine riesige Auswahl an Touren mit sehr guten Tourenbedingungen vorfinden, wo das Altschneeproblem völlig ausgeschlossen war.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 20. Feb 2017 - 22:38 Uhr
1. Es gab im Lechtal recht wenige Lawinenereignisse trotz zahlreichem Besuch der Gefahrenzone (laut LLB hochalpine, schattseitige Kare oberhalb von etwa 2200m). Die Anzahl der Gefahrenstellen und die Auslösewahrscheinlichkeit war also nicht besonders hoch.
2. Wenn es aber zu einer Auslösung kam, dann ist mit einer recht großräumigen Bruchfortpflanzung zu rechnen. Das Schadenspotenzial dieser Altschneelawinen ist eher hoch.
3. Die Auslösepunkte sind sehr schwer erkennbar und die Gefahrenzone ist recht großräumig.

Unter diesen Gesichtspunkten erscheint es mir fast unmöglich, bis unsinnig, das mit einer angemessenen Lawinenwarnstufe zu klassifizieren. Die Auslösewahrscheinlichkeit allein spricht für eine niedrige Warnstufe (maximal 2). Sollte es aber krachen, dann muss man davon ausgehen, dass es gewaltig kracht - das spricht für eine hohe Warnstufe (3 oder 4). Zusätzlich noch der heimtückische Charakter der Situation. Da passt doch keine Lawinenstufe mehr !?
Doch.

Wenn man das Risiko als Wahrscheinlichkeit ansieht, "erwischt" zu werden, sollte sich das ausgehen.

Im einen Fall wird man bei 10000 Versuchen durch 19 von 20 kleinen Lawinen knapp verfehlt, im anderen Fall ist es halt nur die eine große Lawine, die trifft. Das Resultat ist das Gleiche.

Das einzig wirklich Sichere ist, zu Hause zu bleiben. (Und vorzeitig an Verfettung zu sterben.)

Unterschiedliche Gefahrenmuster können allerdings unterschiedliche Maßnahmen zur Risikominimierung erfordern. So sind Entlastungsabstände bei Altschnee nicht besonders wirksam - da muss der Sicherheitsabstand "gesamte Hanglänge" herhalten - was angesichts der Ausmaße schon mal 400 m sein können. Wer macht schon so was?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Andi am 20. Feb 2017 - 22:54 Uhr
Ansonsten ist ein mit einem Sicherheitspuffer versehenes, zu einfaches Modell besser als ein exaktes, das man als Anwender nicht umfassend und auf Anhieb versteht.

Das ist die richtige Herangehensweise, wenn man die allgemeine Anzahl der Lawinenunfälle bezogen auf ein großes Gebiet wie z.B. den gesamten Alpenraum senken möchte. Und den lawinenkundlich mittelmäßig gebildeten Leuten und einigermaßen brauchbares Hilfsmittel an die Hand geben möchte.
Nur was, wenn das einfache Modell gerade an meinem Hang am heutigen Tage fehlplaziert ist?

Eine kleine Anekdote dazu passend zum Thema - "HEUTE IM LECHTAL" - 20.02.2017:
Eine gemütliche Nachmittagstour bei Berwang, sollte es werden. Der LWD gibt unterhalb von 2000m Warnstufe 1 und oberhalb Warnstufe 2 heraus und warnt vor frischem, aber kleinräumigem Triebschnee. Da ich heute kaum über 2000m hinaus komme, das Gefahrenmuster "frischer Triebschnee" leicht zu erkennen sein sollte und ich auch kaum steile Hänge betrete, finde ich es OK allein auf Tour zu gehen. 
Bei der Ankunft in Bichlbächle richte ich den Blick auf die Pleisspitze. Dort hat der Wind kürzlich sauber gewütet, deutlich stärker, als man bei der angegeben Warnstufe vermuten würde. Ein erstes Alarmzeichen. Ich starte meine Tour. Bis auf etwa 1700m sehr sichere Verhältnisse: Gesetzter Pulver mit etwas lockerem ungebundenem Pulver von vor ein paar Tagen darauf. Perfekt. Ich entschließe mich für eine kleine Zwischenabfahrt, traue mich auch in einen gut 40° steilen Hang rein. Auch dort passt alles - lockerer unverspurter Pulverschnee. In einen nordseitigen Kar auf knapp 1600m angekommen geht es in eher flachem Gelände weiter. Der Schnee ändert sich plötzlich, überall Triebschnee auf einer Kruste, großflächig, recht massiv zwischen abgewehten Rücken. Windfahren sind auch zu sehen. Frischer Triebschnee wird direkt auf meiner Aufstiegsroute abgelagert. Passt irgendwie so gar nicht zur Warnstufe 1. Trotzdem gehe ich weiter, weil vorerst keine Hänge über 25° betreten werden. Ich felle wieder an, laufe keine 50m, quere einen 25° Hang. Plötzlich kracht es. Es kracht gewaltig! Die gesamte Schneedecke um mich herum sackt mit einem beeindruckend lauten WUMM ab. Puh! Beeindruckend! Warnstufe 1 also. Ich suche sofort wieder flacheres Gelände auf. Ich entschließe mich, meinen Aufstieg trotzdem vorerst fortzusetzen, weil ich keine Hangstellen über 25° - 30° in einem größeren Bereich um meine Aufstiegroute herum liegen und man sich über größere Strecken auch im weitläufigen, flachen Gelände hocharbeiten kann. Es kommen aber nochmal 2 ähnliche Stellen und auch dort kracht es. Immer wieder WUMM Geräusche. Gut, dass die nächste Hangstelle mit Richtung 30° noch in ausreichender Entfernung liegt. Das gesamte Kar scheint hochgradig störanfällig zu sein. Bevor es in kammnäheres Gelände geht, wo es wieder einen Tick steiler wird (knapp 30°, 50m rechts von der Aufstiegsroute auch etwas steiler) und auch Schneeverfrachtungen zu beobachten sind, breche ich meine Tour ab. Ich befinde mich auf ca. 1800m Seehöhe und war ständig in einem Bereich, für den Warnstufe 1 ausgegeben war. Bei der Abfahrt kann ich von diesem Punkt aus gerade noch eine risikofreie Route wählen. Überall Triebschnee auf einer zerbrechlichen, harten Kruste. So viel also zur Warnstufe 1. In diesem Kar war eine typische Warnstufe 3 Situation mit Auslösbarkeit durch geringe Zusatzbelastung, also dem Gewicht eines einzelnen Skifahrers. Sicher keine Verhältnisse, bei denen es ratsam ist, achtlos allein auf Tour zu gehen.

Was hat nicht gepasst am "einfachen Modell"? Warum war das einfache Modell für das betreffende Gebiet nicht angemessen?
Jeder aufmerksame Beobachter weiß: Berwang ist eine Föhnschneise. Wider erwarten kam es die Tage zuvor zu einer schwach ausgeprägten Föhnsituation, die aber genau dieses Gebiet (wie so oft) traf. Diese Windsituation war wohl so kleinräumig, dass der Lawinenwarndienst diese Föhnschneise im gerne etwas stiefmütterlich behandelten Außerfern mit recht komplexen, kleinräumigen, klimatischen Besonderheiten wohl etwas vergessen hat.
Die Tour war eine völlig spontane Aktion. Es musste eine unverspurte Tour mit kurzer Anreise sein. Besser und schlauer wäre es gewesen, tags zuvor mal einen Blick auf eine lokale Wetterstation zu werfen. Dann hätte man auch selbstständig den Lagebericht für die betreffende Region in Frage stellen können.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 20. Feb 2017 - 23:11 Uhr
Das ist die richtige Herangehensweise, wenn man die allgemeine Anzahl der Lawinenunfälle bezogen auf ein großes Gebiet wie z.B. den gesamten Alpenraum senken möchte. Und den lawinenkundlich mittelmäßig gebildeten Leuten und einigermaßen brauchbares Hilfsmittel an die Hand geben möchte.
Nur was, wenn das einfache Modell gerade an meinem Hang am heutigen Tage fehlplaziert ist?
DAS ist das so genannte Restrisiko.

Wenn man vor Ort merkt, dass da was nicht so ist wie vorhergesagt, muss man halt wieder zurück. Das passiert mir relativ oft.

Wir sind ja nicht im Stalinismus wo man wg. Nicht- Planerfüllung an die Wand gestellt wird. ;)

Und es wurde noch niemand wg. Feigheit vor dem Berg erschossen.
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Schorsch_KFB am 21. Feb 2017 - 09:30 Uhr
Was hat nicht gepasst am "einfachen Modell"? Warum war das einfache Modell für das betreffende Gebiet nicht angemessen?

Wäre für mich in dem Fall auch gewesen, dass ich die Situation vor Ort neu beurteile und dann entsprechend handle. Habe ich beim DAV auch auf der Lawinen-Schulung so gelernt, dass man auf jeden Fall den LWB genau ließt - vor allem den Text - und dann vor Ort aber immer wieder neu beurteilt. Bringt mir ja nix, wenn am Grabstein steht, dass es doch eigentlich nen Einser gehabt hat.

Ich hätte noch eine Frage, weiß aber nicht, ob mir das hier jemand beantworten kann: Am Wochenende hatte es ja ordentlich Neuschnee gegeben. Folglich gab der LLB auch einen 3 raus und warnte im Text vor Touren im nordseitigen Bereich, auch wegen den Windverfrachtungen und Triebschnee in Mulden und Rinnen. Trotzdem gabs schon Abends Bilder vom Befahren der Ostrinne des Ponten. Ich bin - wie Andi das auch schon schreibt - ein mit Lawinen mittelgebildete Person. Ich frag mich dann immer, was an solchen Tagen für Argument sprechen, solche doch recht extremen Touren trotzdem zu fahren? Oder ist das wirklich Herausforderung des Glücks?
Titel: Re: Heute im Lechtal...
Beitrag von: Lampi am 21. Feb 2017 - 15:43 Uhr
Zitat
Ich frag mich dann immer, was an solchen Tagen für Argument sprechen, solche doch recht extremen Touren trotzdem zu fahren? Oder ist das wirklich Herausforderung des Glücks?
Einer hat es probiert und dann per Facebook oder Whatsapp verbreitet. Du machst Dir keine Vorstellungen wie schnell das geht.
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