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Schwabenkinder
 

Eine düstere Episode des Außerferns, sowie auch des übrigen Tirol, Vorarlbergs und der Schweiz, fand seit Anfang des 17. Jahrhunderts bis etwa 1950 statt. Da der heimische Boden zu wenige Früchte bringt und die Armut in vielen Höfen der Außerferner Bürgerschaft Einzug gehalten hat, wurden die Kinder der Armen alljährlich über den Gebirgskamm der Allgäuer Alpen in das Bodenseegebiet sowie in das Land um Ravensburg geschickt, um dort ihren Dienst als Hütejungen, Magd oder als Knecht zu bestreiten.


"Wie jedes Frühjahr, so kommen auch heuer am 28. März die Tiroler Hütekinder in Friedrichshafen durch den 'Hütekinderverein' zum 'Verkauf'."
("Der Landarbeiter", 1913, Nr.5)


Schon die Wanderung ins Bodenseegebiet und nach Ravensburg ist oftmals eine Tortur für die meist 6 bis 14jährigen Kinder, die häufig nicht mehr an Gepäck mitbringen als die Kleidung die sie am Leibe tragen und ein wenig Wegzehrung. Im März sind die meisten Passhöhen
in den Alpen noch tief verschneit und der Nebel macht ein Vorankommen zudem noch schwieriger. Das Schuhwerk der kleinen Mädchen und Jungen vermag die Füße meist nicht lange trocken zu halten und die Kälte tut noch ihr Übriges.

Oft ist aber die Trennung von den Eltern noch schmerzhafter und schwerer zu bewältigen, als die äußeren Einflüsse. Alleine in die Fremde gehen zu müssen, dürfte für so manches Kinderherz eine enorme Belastung bedeutet haben. Nur manchmal hatten die Kinder das Glück von den Dienstgeberfamilien so herzlich aufgenommen bzw. angenommen zu werden, als ob es die eigenen wären. Viel häufiger kam es vor, dass die Kinder wie kleine Sklaven behandelt wurden und auch vor sexuellen Übergriffen oft nicht Halt gemacht wurde.

Wie auf Viehmärkten wurde um die "Schwabenkinder" auf sogenannten "Kindermärkten" gefeilscht und zum Kauf vorgeführt. Abgehalten wurden diese Märkte in den Städten Ravensburg, Tettnang, Pfullendorf, Wangen, Waldsee und Überlingen. Alljährlich kamen rund 6.000 Kinder aus der Gebirgsregion um hier in Ställen zu arbeiten oder in den Häusern zu helfen.

So kam es durchaus vor, dass einige Mädchen schwanger aus der Fremde heimkehrten oder ihrem Leben ein Ende setzten um ihrer "Scham" zu entfliehen, mit einem ledigen Kind in die Heimat zurückkehren zu müssen. Allerdings blieben einige Mädchen aber auch auf Grund einer gefundenen Liebe im Ausland, in der Hoffnung auf ein besseres Leben als sie es zu Hause hätten finden können.

Die Knaben blieben ebenfalls oftmals in der Ferne um dort ihr Glück zu suchen. Viele erlernten bei ihren Dienstherren einen Beruf und versuchten dann in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Auch die Eltern zu Hause mussten oft schwere Entscheidungen treffen, wenn es darum ging in die Adoptionsfreigabe der Sprösslinge einzuwilligen um ihnen damit eine Perspektive für das zukünftige Leben zu eröffnen.

Erst als im Jahre 1914 die allgemeine Schulpflicht auch für die "Schwabenkinder" im Gastland eingeführt wurde, ebbte die Kinderarbeit langsam ab.

Heute wird das Drama der "Schwabenkinder" in einem Theaterstück der Geierwally-Freilichtbühne nachgespielt. (Elbigenalp)

Wie kam es dazu?

Die erste gesicherte Aufzeichnung von den Kindern die in die Ferne mussten, findet sich in einem Ende des 18. Jahrhunderts erschienen Buch "Uiber die Tiroler", von Josef Rohner. Da heißt es also: "...sobald der Bube in einigen Gerichten des Imster Kreises nur laufen kann ist er gezwungen, außer seinem Mutterlande Nahrung und Verdienst zu suchen. ...die Anzahl der Knaben, welche alljährlich im Frühling vom 7. Jahre ihres Alters bis zum 17. aus den Pfarreien Delf (Telfs), Nasereit, Imst, Lermos, Reuti, Vils, Tannheim zum Pferde-, Kühe-, Schafe-, Ziegen-, Schweine- und Gänsehüten nach Schwaben ziehen, zuverlässig auf 700 angegeben"

(Quelle: "Die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg", Otto Uhlig ["Uiber die Tiroler", Josef Rohrer])


Schon wesentlich früher aber, so kann man in vielen Chroniken und kirchlichen Mitschriften lesen, kam es zu Wanderungen von Erwachsenen. Oft wurde in den Gemeinden vor allem das Erlernen eines Handwerks gefördert, um dann diesen Gesellen in die Ferne schicken zu können und so den heimatlichen Boden zu entlasten. Erste Einträge können auf annähernd 500 Jahre zurück datiert werden und finden sich vor allem im Tiroler Oberland sowie auch in Vorarlberg.

Dies dürfte also die Basis für eine später aufkommende Kinderwanderung gebildet haben. Durch das ständige Wachstum der Bevölkerung vermochte der Boden selbst die Kinder nicht mehr zu ernähren und so wanderten auch sie aus, um in der Fremde für ihre Nahrung zu arbeiten.

Erdrückende Armut

Für heutige Verhältnisse ist das Ausmaß der damaligen Armut wohl kaum fassbar. Die Bauern waren zum Teil lediglich Landbearbeiter auf gepachtetem Boden oder der Ertrag des Gutes war so dürftig, dass nicht einmal der Lebensunterhalt der Familie gesichert werden konnte. Fällt dann auch noch das Wenige durch Mißernten aus, sind die Menschen sogar gezwungen Ratten und Mäuse zu verspeisen, nur um irgendwie am Leben zu bleiben.

(siehe Geschichtsverlauf; 1816)


So war es also ein kleineres Übel, den Schmerz der Trennung auf sich zu nehmen und die Kinder nach Schwaben zu schicken, als sie von den Früchten des Bodens mit durchbringen zu müssen. Zudem waren die Eltern durch den Kauf des Samens für die Bestellung der Felder und der Forderungen durch den Fiskus oftmals in Schulden geraten und konnten sich durch den Lohn, den die Tochter oder der Sohn aus der Ferne brachte, wenigstens teilweise aus der finanziellen Misere retten.

Selbst in "normalen" Zeiten war beispielsweise in Reutte der Ernteertrag gerade einmal für etwa ¼ Jahr ausreichend. Die einzige "reelle" Erwerbsquelle stellte eigentlich nur die Viehzucht dar, die allerdings ebenfalls nicht ausreichend war, also musste die Wanderung ins Ausland den restlichen Bedarf decken.