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Wildes Wasser



Neben den Lawinen stellen im Außerfern schon seit jeher Hochwasser und Murgänge die größte Bedrohung für die hier lebenden Menschen, ihr Vieh und ihr Hab und Gut dar. Ein Grund dafür ist die Nordstaulage, welche durch die Stellung der ersten hohen Berge entlang des nördlichen Alpenvorlandes gebildet wird. Die meist aus nordwestlicher Richtung heranziehenden Regenwolken lassen hier mitunter überdurchschnittliche Mengen an Niederschlag niederprasseln und kleine Rinnsale binnen Minuten zu gefährlichen Wildbächen anschwellen. So waren auch die ersten Siedler zumeist darauf bedacht ihre Behausungen an den Talflanken zu errichten. Erst viel später, als die Siedlungsflächen dort zur Neige gingen, rückten die Häuser allmählich näher an den Flusslauf heran.

Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts sagten die Leute, der größte Grundbesitzer im Lechtal sei der Lech selbst, da dessen Schotterbänke und Flussarme fast immer den ganzen Talgrund ausfüllten und lediglich die erhöht liegenden, überwachsenen Schuttfächer der Seitenbäche noch eine halbwegs nutzbare Fläche für Ansiedlungen, Felder und Äcker ausbildeten. Erst um etwa 1900 ging man daran, die Bäche und Flüsse in ihrem Verlauf regulieren zu wollen um mehr landwirtschaftlich nutzbare Flächen zu gewinnen.

Die Freude über die größeren Weide- und Wiesenflächen war aber nur eine Seite der Medaille. Jede länger währende Regenperiode ließ die Eigentümer und Anreiner bangen, ob der Bach bzw. Fluss wohl über die Ufer treten und Keller oder gar ganze Dorfplätze überfluten würde. Es wurde zu einem steten Kampf – die mühsam dem Fluss abgerungenen Flächen holte sich dieser peu à peu wieder zurück oder die Felder und Ackerflächen wurden mit Schlamm und Schutt bedeckt.

"...die durch anhaltenden Regen oder in der Föhnwärme schmelzenden Schnee angeschwollenen Bergbäche oder 'Runsen' sind die gefürchtetsten und verderblichsten Naturerscheinungen der Alpen. Sie sind furchtbarer als die Gewitter und die Lawinen, die gar oft einen unschädlichen Verlauf in tiefen Rinnen und Kesseln nehmen. Fällt im Sommer plötzlich oder lange nach einander eine große Wassermenge, wie es in den Monaten Juli und August 1851 in diesen Alpen geschah, oder löst im Herbste der Föhnsturm mit fürchterlicher Gewalt die frühen Schneemassen der Berge auf, und folgt ihm ein tüchtiger Regen, so schwellen in wenigen Stunden die Runsen zu schrecklichen Strömen an. Sie fallen über die steilen Böschungen der Felsenmauern donnernd in's Tal herab, und haben breite steinerne Rinnsale.

In trockener Zeit findet man das Bett entweder ganz leer, oder nur von einem seichten klaren Bächlein durchzogen; der Fremde verwundert sich über die Breite des steinigen Bettes, über die ungeheuren Schuttmassen, die an seiner Seite liegen, über die cyclopischen Wuhrsteine die es abdämmen. Er verfolgt es mit seinem Blicke nach der Höhe zu, sieht die oft 60 - 100 Fuß tief ausgefressenen Schluchten, die das Wasser sich gegraben, und die breiten Straßen, die es durch die alten Hochwälder gerissen hat. Wir kennen kaum etwas grauenerregenderes, als diese Wasserdämone in voller Tätigkeit. Hoch oben am Berg sieht man sie auf sanft geneigten Triften gelbe Fluten sammeln, im jähen Sturze reißen sie mit rasender Gewalt die größten Felsblöcke durch ihr Bett herab, führen aufrechtstehende Tannen, Geröll, Sand und Erde in schwarzbraunen Wellen mit, und dehnen sich dem Tal zu, oft plötzlich durch die gewaltigen Aufstauungen von Bäumen und Felsstücken aus dem Bette geworfen, über die bebauten Wiesen und Äcker hinaus, bis sie den Fluss der Talsohle erreicht haben.

Der Donner dieser Stürze, das Poltern und Krachen der übereinander wild hinrollenden Steinblöcke tönt weit durch Berg und Tal und erfüllt die Bewohner des Geländes mit Entsetzen. Mit Stangen, Hacken und Schaufeln eilen sie auf die Wuhrdämme, um die Aufstauungen möglichst zu hindern und zu zerreißen; alles was eine Schaufel führen kann steht an den Runsen, und das Schreien, Rufen, Jammern der Menschen mischt sich in das Krachen der Felstrümmer. Wer einmal in einer bangen, regenschwarzen Nacht diesem gräßlichen Schauspiel beigewohnt [hat], vergisst es nie wieder...

...in ein paar Stunden waren die Häuser bis zum oberen Stockwerk hinauf in Geröll, Sand und Erde eingemauert, die Fluten und die Steine erfüllten alle Räume; Gemüse- und Obstgärten waren in wenigen Augenblicken in klafterhohen Schuttfeldern begraben..."

Auszug aus dem Buch 'Die Algäuer Alpen bei Oberstdorf und Sonthofen - ein Führer für Fremde' (S.166, 1856)





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